Saisonelles:Weihnachtsgeschichte

Wie die Rentiere dazu kamen, den Schlitten zu ziehen

von Silvia Pirolt

„So geht das nicht“, sagte der Ober-Weihnachtsengel eines Tages, es war Ende Oktober, zum Weihnachtsmann. „Ich habe mit meinen Engeln zu Weihnachten so viel zu tun! Wir können unmöglich weiterhin die Auslieferung all der Weihnachtsgeschenke übernehmen. Du musst dir eine andere Art der Geschenkverteilung überlegen!“

Der Weihnachtsmann nickte. Er sah es ja ein: Das Singen und Beten beim Weihnachtsbaum und Gottes-Segen-Überbringen nahm die Weihnachtsengel wirklich sehr in Anspruch. Er brauchte also etwas, worin er all die vielen schönen Sachen, die er den Kindern bringen sollte, transportieren konnte.

„Ein schöner großer Schlitten wäre nicht schlecht“, sagte er zu sich selbst.
Er ging zur Himmelswerkstatt und besprach sich mit dem Tischler und dem Schmied. Schon bald danach erteilte er den Auftrag für den Schlittenbau. „Und dann brauche ich natürlich noch jemand, der den Schlitten zieht.“

Dafür kamen viele Tiere in Frage. Aber welche Tierart wäre dafür wohl am besten geeignet? „Hm“, brummte der Weihnachtsmann in seinen Bart, „ich werde einfach ein Meeting einberufen.“ Sagte es und tat es.

Bald darauf, am 14. November, trafen sich viele Tiere auf der Wiese vor dem Haus des Weihnachtsmannes. Die Einhörner spotteten über die Rentiere: „Was wollt ihr denn hier! So wie ihr ausseht, taugt ihr bestenfalls als Kinderschreck! Niemand wird so schön und majestätisch, so voll Kraft und Reinheit den Schlitten ziehen wie wir!“

Sofort fanden sich auch andere Tiere, die ohne lange nachzudenken und ohne etwas Genaueres zu wissen, gleich in die Spottreden einstimmten. „Keinen Stolz haben die“, und „das sind doch die reinsten Bettelgestalten“, so lauteten die Schmähungen.
Das kränkte die Rentiere und sie zogen sich an den Waldrand zurück.

Der Weihnachtsmann hatte eine Teststrecke eingerichtet und die Tiere machten sich bereit, vor den Schlitten gespannt zu werden. Die stolzen Löwen fanden, sie seien für eine solch profane Sache zu schade, schließlich zögen sie nur mythologische Gefährte, wie den Wagen der Göttin Kybele, und schon gar keines Falls würden sie an einem Test teilnehmen und gingen wieder zurück in die Wüste.

Die heißblütigen Araberpferde waren gleich gar nicht gekommen, sie hatten ausrichten lassen, der viele Schnee, das Eis und die Kälte sei nichts für sie.

Die Elefanten rutschten auf der großen Eisplatte links vorm Haus aus und donnerten mächtig zu Boden. Sie kamen daher nicht in Frage, weil sie sich mit ihren Füßen auf dem Eis nicht halten können. Auch hatte der Weihnachtsmann die Befürchtung, sie könnten für so manches Hausdach, auf dem er ja während der Geschenkübergaben seinen Schlitten abzustellen pflegte, zu schwer sein. Das sagte er ihnen aber nicht.

Die Füße der Kamele, die spezielle Eigenschaften haben, damit sie im Wüstensand nicht einsinken, kamen mit dem Eis ganz gut zurecht. Auch die weißen Eselchen machten keine schlechte Figur, aber so gut sich auch einzeln als Lastenträger sind, im Gespann konnten sie nicht zusammenarbeiten. Sie versuchten dem Weihnachtsmann klar zu machen, dass sie lieber eine Karawane bilden als den Schlitten ziehen wollten, aber das wollte er nicht, weil sonst das ganze Geld, das die Anschaffung des Schlitten gekostet hatte, vertan gewesen wäre.

Die Hunde waren gute Schlittenzieher, aber ihr Spieltrieb und ihre Unruhe äußerte sich in heftigem Radau. Der Weihnachtsmann kann nachts einfach kein Gekläffe und Gejaule brauchen. Das würde ja alle Kinder, die schon schlafen, wenn er die Geschenke bringt, wieder aufwecken. Also war’s auch mit den Hunden nichts.

„Und was war denn nun mit den angeberischen Einhörnern?“ werdet ihr fragen.
Nun, die kamen überhaupt nicht dazu, ein Gespann zu bilden, weil jedes an erster Stelle stehen und das Leit-Einhorn sein wollte. Nachdem der Weihnachtsmann dem Gezänke eine Weile zugehört hatte, sagte er nur: „Danke, das genügt. Ich habe leider keine Verwendung für euch.“ Das brachte ihn nun aber in ziemlicher Verlegenheit: Wenn er niemanden fand zum Schlittenziehen, mussten doch wieder die Weihnachtsengel herhalten.

Er griff gerade zum Handy um den Ober-Weihnachtsengel anzurufen, da fiel sein Blick auf die Rentiere, die im Schatten des Waldrandes unschlüssig herumstanden. „Was ist?“ fragte der Weihnachtsmann, „wollt ihr es nicht wenigsten mal versuchen?“

Die Rentiere sahen sich kurz an und nickten dann. Dass der Weihnachtsmann sie in die Wahl zog, hob ihr angeknackstes Selbstvertrauen wieder ganz enorm. Sie legten sich mächtig ins Zeug - und sie waren wirklich gut. Sie waren einfach die Besten! Flink, bescheiden, leise und schnell. Sie kamen ausgezeichnet mit Eis und Schnee zurecht und sie sahen vor dem Schlitten ganz zauberhaft aus.

„Ihr seid die Richtigen!“ sagte der Weihnachtsmann, „ich nehme euch.“ Da strahlten die Rentiere voll Freude.
„Bschwa!“ sagten die Einhörner verächtlich und stolzierten erhobenen Hornes davon aber keiner hörte mehr auf die.
So kamen die Rentiere dazu den Weihnachtsschlitten zu ziehen und sie tun es bis heute.

Wenn die Weihnachtsnacht mondhell ist, dann passt gut auf, denn dann könnt ihr den Weihnachtsmann und sein Rentiergespann vielleicht sehen.

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