Lese-Ecke
Simone
von Lillemor
Mein Name ist (mehr oder weniger) Lillemor. Ich
bin 13 Jahre alt und habe keine Hobbys (was ich
auch nicht sonderlich bedauere). Ich lese und schreibe
gerne, höre Musik, zeichne und tu was mir so
einfällt ... das Lillemor.
Simone saß gerne unter Kirschbäumen.
Am liebsten unter solchen die in voller Blüte
standen. Oft stundenlang saß sie unter ihnen
und nahm den beruhigenden Duft und die sanften Geräusche
die beim kindlichen Spiel des Windes entstanden,
in sich auf. Sie hatte einen Stammbaum, dieses Wort
scheint zuerst etwas befremdlich, doch tatsächlich
war es ein Kirschbaum unter dem sie fast immer saß,
wenn sie überhaupt unter einem solchen saß.
Hätte ein Spaziergänger auf seinem Weg
ihre kleine Bank unter dem großen Kirschbaum
mit den sanft rosa Blüten entdeckt, so hätte
er von Simone wohl nicht viel mehr gesehen als die
kleine, graue Frau, nicht älter als zwanzig
wohl, die dort unter einem Kirschbaum saß,
weil sie wohl nichts besseres mit ihrem Leben anzufangen
wusste. Wahrscheinlich hätte er sich kopfschüttelnd
abgewandt und die kleine, graue Frau unter dem großen
Kirschbaum mit den rosa Blüten wäre so
schnell aus seinen Gedanken vertrieben worden, wie
sie dort hineingekommen war. Aber ein Spaziergänger
kam niemals.
Simone lebte abseits der Stadt; in einem kleinen
Haus hatte sie eine kleine Wohnung gemietet. Die
Wohnung war schlicht, nur das Nötigste fand
darin Platz. Simone hatte sich ein Arbeitszimmer
eingerichtet, dort verbrachte sie viele lange Nächte.
Über schwere Bücher gelehnt fand man sie,
nur eine kleine Schreibtischleuchte, strahlte schüchtern
auf die gelblichen Seiten der Büchern, in dem
dunklen Zimmer. An Simones Fenster stand ein kleiner
ausgetrockneter Tannenbaum, kaum größer
als eine normale Zimmerpflanze. Zur Weihnachtszeit
hängte Simone unbemerkt drei silberne Kugeln
an den schon völlig braunen Baum und nahm diese
dann im Januar wieder unbemerkt ab.
Simone liebte Unwetter und regen, sie liebte Bücher
und den Geruch von feuchtem Laub im Herbst. Sie
redete nicht viel. Hätte belustigende Gedankengänge,
zumal erwähnt werden muss das sie nur für
Außenstehende belustigend waren.
Simone folgte einem gewissen Trott. Bevor sie das
Haus verließ frühstückte sie. Sie
aß ein Honigbrot dazu trank sie nur heißes
Wasser, denn der Tee war ihr vor Jahren ausgegangen.
Sie lief dann zu ihrem Kirschbaum, setzte sich darunter,
auf ihre Bank. Irgendwann, sie schien zu wissen
wann, verließ sie die Bank und ging zurück
in ihre kleine, kahle Wohnung um dort in ihrem dunklen
Arbeitszimmer, unter dem Schein der schüchternen
Lampe, die gelblichen Seiten ihrer dicken Bücher
zu studieren.
Simone feierte keine Feste, schien niemals Geburtstag
zu haben und man hätte fast denken können,
sie nahm ihre Umwelt überhaupt nicht wahr.
Doch ganz kleine Dinge, die nur sehr aufmerksamen
Beobachtern auffielen, verrieten sie. Das leichte
Zucken auf ihren rosigen Wangen wenn ein Kirschblatt
auf ihr Gesicht fiel oder das leise kaum merkliche
Lächeln, wenn sie am Fenster ihrer kahlen Wohnung
stand und dicke Regentropfen beobachtete, die gegen
die glatte Scheibe prallten. Wie sie leicht zusammenzuckte,
wenn der Bus unüberhörbar vor ihr anhielt
und der Fahrer die Türen öffnete.
Simone schien kein Ziel zu verfolgen, keine Bestimmung
schien ihr zuzustehen. Sie ging nur Tag ein Tag
aus diesem Trott hinterher, sprach nicht, schien
niemals zu essen oder zu trinken. Hätte man
sie längere Zeit beobachtet hätte man
nach kurzer Zeit wahrscheinlich Zweifel gehabt an
ihrer biologischen Menschlichkeit. Hätte man
sie aber sehr genau beobachtet, hätte man sie
vielleicht ein wenig gesehen. Vielleicht hätte
man das leichte Zucken auf ihren rosigen Wangen,
wenn ein Kirschblatt auf ihr Gesicht fiel oder das
leise kaum merkliche Lächeln, wenn sie am Fenster
ihrer kahlen Wohnung stand und dicke Regentropfen
beobachtete die gegen die glatte Scheibe prallten
bemerkt. Oder wie sie leicht zusammenzuckte, wenn
der Bus unüberhörbar vor ihr anhielt und
der Fahrer die Türen öffnete. Man hätte
vielleicht bemerkt, dass Simone durchaus Feste feierte
und Geburtstag hatte, das sie aß, trank und
redete. Das sie einer der wohl menschlichsten Menschen
war.
Doch Simone beobachtete ja keiner.
Die Urheberrechte liegen bei der Autorin.

