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Halloween-Geschichte

von Gasia Piranyi, 16 Jahre, Oktober 2002

Niki ist froh, dass sie endlich zu Hause ist. Es ist bereits dunkel und der Nebel draußen ist so dick, dass man keine 10 Meter weit sehen kann. Harry, ihr älterer Bruder und sie sind heute Abend allein zu Hause. Niki hat gerade die nassen Schuhe ausgezogen und öffnet nun mit klammen Fingern den Reißverschluss ihrer Jacke, als es an der Tür läutet. "Wer kann das sein?" wundert sich Niki. "Ich hab doch niemanden auf der Straße gesehen." Harry, der gerade aus der Küche kommt, geht zum Fenster und schaut hinaus in den Vorgarten. "Da steht ein Kürbis vor der Tür", stellt er fest. "Heute ist Halloween!" ruft Niki und schon will sie die Tür aufmachen, um den Kürbis hereinzunehmen. "Warte!" sagt Harry, ...

"... wenn das nun ein Trick ist?"
"Wasnfürein Trick?" fragt Niki. "Da liegt ein Kürbis, sonst nix. Den nehmen wir herein, höhlen ihn aus, schnitzen ihm ein Gesicht und stellen eine brennende Kerze hinein. Das ist lustig, du wirst schon sehen!" Niki öffnet die Tür und will sich nach dem Kürbis bücken.
Da - Harry trifft fast der Schlag! - hebt sich der Kürbis vom Boden ab und schwebt vor Nikis Gesicht. Zwei unheimliche schwefelgelbe Augen leuchten plötzlich im Dunkeln auf und ein gezacktes Grinsen steht in der Luft.
"Hi", sagt der Kürbis.
"Hi", stottert Niki starr vor Schreck. Hinter ihr steht Harry zur Salzsäule erstarrt. Niki kann nicht vor und nicht zurück, würde aber liebend gerne laut schreiend davonrennen. Da fängt sich zum Glück Harry wieder.
"Ach, das ist doch nur ein Kind, das Süßigkeiten haben will", sagt er als ihm einfällt, dass das so Brauch ist in Amerika.
"Nein, ich bin ein Kürbis", sagt der Kürbis. "Ich brauche keine Süßigkeiten. Aber ihr könnt mir helfen." Seine Stimme klingt irgendwie eigenartig hallend und gleichzeitig flüsternd und ein bißchen traurig.
"Ich hab es satt so körperlos herumzuschweben", sagt der Kürbis. Ich möchte auch einen Körper, Arme und Beine und nicht nur einen Kopf. Könnt ihr mir nicht einen Körper machen?"

"Bin ich Frankenstein?" rutsch es Harry heraus.
"Wir können dir schon eine Art von Körper machen", sagt Niki.
"So wie der Vogelscheuche im Gemüsegarten", flüstert sie leise Harry zu.
Der ist skeptisch: "Glaubst du er wird damit zufrieden sein?"
"Versuchen wir's!"
"Schau", sagt Niki zu dem Kürbis, dort drüben steht ein Körper. Er hat nur einen Hut auf, aber keinen Kopf darunter." Sie deutet auf die Vogelscheuche. "Der wär doch prächtig für dich!" meint sie aufmunternd.

"Aaahjaaa!" sagt der Kürbis und schwebt den Vorgartenweg hinunter bis zu den Gemüsebeeten. Harry zieht Niki schnell ins Haus und schlägt die Tür hinter ihnen zu.

"Hoffentlich sind wir den jetzt los! Der war doch total unheimlich!" sagt Niki und sie ist recht blaß. Harry, der nicht so recht weiß, was er von der ganzen Sache halten soll, schaut durch's Fenster. Draußen schaukelt der Kürbis in der Höhe des Hutes der Vogelscheuche hin und her. Es sieht so aus, als würde er sich auf die Stange, die die Kleider der Vogelscheuche hält aufspießen. Dann hört die Schaukelei auf und der Kürbis bleibt an seinem Platz. Ganz langsam hebt nun die Vogelscheuche die Hand und winkt zum Fenster herüber. Mit einem Schrei rennen die Geschwister die Stiegen hinauf und vergraben sich in ihren Betten. Weder Niki noch Harry haben den Mut, nochmal nach dem Scheuchenkürbis zu sehen. "Hoffentlich geht er weg", sagt Niki.
Harry, der wieder etwas klarer denken kann, versucht alle möglichen Erklärungen zu finden. Er kommt zu dem Schluß, dass jemand sie zum Narren gehalten haben muss. "Ist doch Quatsch", sagt Harry. "Geister gibt es nicht." Irgendwann schlafen sie dann erschöpft ein.

"Eines möcht ich schon wissen", sagt die Mutter am nächsten Morgen beim Frühstück. "Was habt ihr mit der Vogelscheuche gemacht."

"Wie gemacht", gluckst Niki erschrocken. "Was gemacht?" fragt Harry, kreidebleich im Gesicht. Sie rennen zum Fenster. Die Vogelscheuche ist weg. Auch kein Kürbis ist weit und breit zu sehen. Aber erdige Abdrücke wie von einem Holzpflock führen vom Gemüsebeet zur Gartentür und verlieren sich zwischen den welken Blättern auf dem Gehsteig - so als wäre jemand auf einem Bein hüpfend den Weg entlang fortgegangen.
Andere Fußspuren gibt es nicht ...

Die Urherberrechte liegen beim Autor.

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