Lese-Ecke
I will find you, wherever you are… I swear!Kim Christensen, 15 Jahre
Jetzt war es soweit, heute würde er abhauen,
abhauen von dem Ort, der sein Leben zur Hölle
gemacht hatte und immer noch tat. Verschwinden von
dem, was für ihn gleichzeitig Zukunft, wie
auch Vergangenheit bedeutete. Er würde aus
dem Heim fliehen und niemand würde ihn aufhalten
können. Er hatte diesen Plan schon so lange
zurechtgelegt, überarbeitet und verfeinert,
dass fast nichts mehr schief laufen konnte.
Er hatte seine wenigen Dinge die er besaß
unter seinem Kopfkissen versteckt und wartete auf
die schützende Dunkelheit. Eine halbe Stunde
lag er schon im Bett, doch da Sommer war, würde
es nicht so schnell dunkel werden. Er würde
noch bis um halb zwölf wach bleiben und sich
dann irgendwie rausschleichen.
Die Zeit verstrich unendlich langsam, er vertrieb
sie sich damit Musik zu hören, oder an seine
kleine Schwester Samantha zu denken, die in eine
Familie integriert worden war. Dann war es soweit,
seine Digitaluhr zeigte halb zwölf an. Verstohlen
sah er sich noch mal um und holte dann seinen Rucksack
unter dem Bett hervor. Darein stopfte er alle seine
Sachen und stand dann auf. Er wusste, dass die Eingangstüre
verschlossen war und die Fenster ebenfalls abgeschlossen
waren, damit keiner auf dumme Gedanken kam.
Fast wie ein Gefängnis. Sein Plan war es, das
Fenster zu zerschlagen, was allerdings zur Folge
hatte, dass dann alle aufwachen würden und
die Alarmanlage angehen würde. Doch dann würde
er schnell zu dem Zaun rennen und hinüberklettern.
Dann würde die Freiheit auf ihn warten. Er
musste das Fenster mit dem ersten Tritt zerbrechen,
sonst würde alles fehlschlagen, doch er vertraute
auf sein Glück.
Mit aller Kraft trat er zu und ein laut schepperndes
Geräusch durchbrach die Stille. Noch bevor
die anderen Jungen ganz wach waren, war Brian schon
aus dem Fenster gesprungen und huschte geduckt über
den Rasen. Er wich Hindernissen aus und hielt sich
die ganze Zeit im Schatten - kein großes Problem,
es waren Schatten und dunkle Stellen überall
auf dem Gelände verteilt. Hinter sich wurden
Stimmen laut, er hörte seinen Namen, erst leise,
dann lauter. Mittlerweile konnte er den Zaun vor
sich erkennen. Er zog seinen Pulli rasch aus und
kletterte nach oben. Den Pulli warf er über
die Spitzen des Stacheldrahts, damit sie ihn nicht
allzu sehr verletzten. Unbeschadet landete er auf
der anderen Seite und riss seinen Pullover herunter,
er würde ihn noch brauchen. Dann rannte er,
so schnell er konnte.
Er musste diese Nacht weit kommen, um nicht von
der Polizei geschnappt zu werden. Sie würden
vermutlich erst die nähere Umgebung absuchen.
In Gedanken rechnete er sich die Zeit aus, die es
dauern würde. Zwanzig Minuten bis sie feststellten,
dass wirklich ER weg war, fünf Minuten bis
dann die Polizei verständigt war, zehn bis
fünfzehn Minuten bis sie auch wirklich da waren.
Zwanzig Minuten, um die Polizisten noch einmal zu
informieren und dann erst ginge die Jagd los. Im
besten Falle hatte er eine Stunde Zeit und das war
verdammt knapp. Die Bahnen fuhren noch, er würde
schwarzfahren. Also hastete er zur U-Bahn, noch
waren sie schließlich sicher. Er wartete fünf
Minuten ungeduldig auf eine Bahn und stieg dann
ein.
Sie war fast leer und zu seinem Glück war kein
Kontrolleur zu sehen. Er ließ sich auf einen
der Sitze fallen und durchdachte alles noch einmal.
Wenn er Glück hatte, würde er Samantha
ausfindig machen können, wenn nicht ... was
war dann? Das würde er spontan entscheiden.
Zuerst einmal würde er Essen besorgen müssen.
Er hatte nur fünf Euro, also würde er
vorerst etwas stehlen. Die Frage war, ob er etwas
aus einem Supermarkt stahl oder einen Kiosk ausrauben
sollte. So oder so, würde er sich strafbar
machen müssen und außerdem spielte das
jetzt eh keine Rolle mehr.
Er entschied sich für den Kiosk und Geld? Geld
konnte er im Notfall auch klauen. Brian seufzte
leise und ließ sich tiefer in den Sitz sinken.
Er begann sich zu entspannen. Wenn er es jetzt bis
zum Hauptbahnhof schaffte, würde er vermutlich
noch einen sicheren Zug erwischen, später wäre
die Gefahr durch die Polizei zu groß. Er sah
auf seine Uhr. Verdammt! Schon zwanzig Minuten waren
verstrichen, er musste sich beeilen. "Düsseldorf
Hauptbahnhof, Endstation", drang es aus den
Lautsprechern. Erleichtert stand Brian auf als die
Bahn hielt und hastete die Stufen nach oben.
Er wollte irgendwie nach England, in sein Heimatland
kommen, also würde er zuerst nach Holland fahren
und von dort aus nach Belgien, Frankreich, dann
nach England rüber. Wie, darüber machte
er sich keine Gedanken. Er erreichte die Plattform
und sah sich nach einem Fahrplan um. Er hatte Glück,
ein Zug nach Antwerpen würde in zehn Minuten
abfahren. Es würde knapp werden mit seiner
Zeitberechnung aber es könnte reichen. Nach
zehn Minuten Warten fuhr der Zug ein. Brian sah
sich zuerst nach irgendwelchen Schaffnern um, konnte
allerdings niemanden erkennen. Dann ging es los.
Jetzt hatte seine Flucht richtig begonnen.
Er atmete einmal tief durch und beschloss zu versuchen
sich auszuruhen. In Holland würde er eine Nacht
schlafen und dann weiterfahren, viel Zeit hatte
er nicht. Die Zeit verstrich und mittlerweile war
die eine Stunde Zeit, die er ausgerechnet hatte
längst um. Die richtig große Suchaktion
würde aber vermutlich erst morgen oder übermorgen
starten. Bis dahin wollte er mindestens in Frankreich,
wenn nicht sogar schon in England sein.
Brian hatte schon wieder Glück an diesem Tag,
so langsam wurde es ihm unheimlich, denn niemand
kontrollierte ihn. Unbeschadet und erleichtert kam
er in Antwerpen an und konnte sein Glück kaum
fassen. Er streifte ein wenig durch die Stadt um
sich ein Bild zu machen und suchte sich dann in
einer Seitenstraße einen guten Platz zum schlafen.
Mittlerweile war es halb fünf und Brian todmüde.
Er schlief sofort ein und erwachte um zehn Uhr,
da er sich den Wecker an seiner Uhr gestellt hatte.
Er stand auf, packte seine Sachen und stellte fest,
dass die Stadt schon ziemlich belebt war. Er war
auf der Suche nach dem Bahnhof und fand schließlich
ein Schild. Dann er sich den Weg zu einem kleinen,
etwas abgelegenen Kiosk, verbarg mit einem Schal
Mund und Nase, sodass nur noch seine Augen zu sehen
waren und startete seinen Versuch. Er konnte nur
hoffen, dass der Mann Englisch verstand.
Er trat auf ihn zu, riss sein Taschenmesser aus
der Tasche und schrie er solle ihm etwas zu essen
und hundert Euro geben. Panisch wühlte der
Mann in einer Kasse, schob einen hundert Euro Schein
rüber und mehrere Brötchen und Riegel.
Brian grinste hinter seinem Tuch, packte die Sachen
und rannte so schnell er konnte davon. Unterwegs
riss er sich das Tuch vom Gesicht. Dann suchte er
sich einen Weg zur nächsten Bahnstation Richtung
Bahnhof. In Antwerpen war er nicht mehr sicher.
Er fuhr wieder schwarz, verhielt sich wie ein ehrlicher
Bürger und kaufte ein Ticket nach Lille, von
wo aus er nach England fahren konnte. Von seinen
hundert Euro blieben zwei übrig, doch immerhin
hatte er ein Ticket. Er musste wieder rennen, da
sein Zug bald abfuhr. Haarscharf erwischte er ihn
noch und ließ sich in einen Sitz fallen. Dann
packte er erst einmal ein Brötchen aus und
nahm seine erste Mahlzeit in Freiheit ein. Danach
versuchte er zu schlafen, doch er konnte seine Aufregung
nicht unterdrücken. Hier wurde er jetzt wegen
Diebstahls gesucht und in Deutschland wurde auch
nach ihm gefahndet. Die Situation spitzte sich zu.
Wenn Brian diesmal schwarzgefahren wäre, wäre
es nicht sehr glimpflich verlaufen; ein Kontrolleur
betrat den Zug. Obwohl er ein Ticket hatte, klopfte
Brians Herz unerträglich. Was war, wenn man
schon hier nach ihm suchte? Er wollte sich darüber
keine Gedanken machen, doch er sah sich unauffällig
schon mal nach einem Fluchtweg um. Doch alles verlief
reibungslos, der Kontrolleur warf einen kurzen Blick
auf das Ticket und ging dann weiter. Fast hätte
Brian geseufzt. Er würde sich wohl noch an
das Leben eines Flüchtlings (irgendetwas in
ihm sträubte sich gegen dieses Wort) gewöhnen
müssen. Endlich beruhigt schloss er seine Augen
und schlief ein.
Sanftes Licht umgab ihn, es war angenehm wärmend.
Vor ihm standen sein Vater
und seine Mutter, sie lächelten ihn an. Es
war das erste Mal, dass er sie "wieder sah",
denn seit dem Autounfall damals, wo sie ums Leben
gekommen waren, hatte er sie nicht mehr "gesehen".
Das Bild änderte sich, der Hintergrund wurde
düster, dunkler und dunkler. Das Licht war
nicht mehr angenehm warm, sondern wurde nun kühl,
fast kalt. Die Augen seiner Eltern wirkten leer
und hohl. Seine Mutter begann plötzlich zu
schreien, der Vater schrie ihn an: "Was hast
du getan Brian? Du solltest auf deine Schwester
aufpassen! Du hast uns enttäuscht!" Die
Gesichter der beiden wurden bis ins Unkenntliche
verzerrt, schienen zu zerfließen und sich
wieder zu einem ganzen zu formen, bevor sie sich
erneut dehnten. Eine wabernde Hand streckte sich
nach seiner Schulter aus, rüttelte ihn und
plötzlich öffnete er die Augen.
Ein besorgtes Gesicht, das zu einer alten Dame gehörte,
sah ihn an. Sie sprach ihn auf Deutsch an, sie war
also nicht holländisch. " Alles in Ordnung,
Junge? Hast du schlecht geträumt?" Brian
musste erst richtig wieder in die Wirklichkeit zurückfinden,
dann nickte er: "Ja, aber es ist alles in Ordnung,
danke." Er versuchte ein Gespräch zu beginnen:
"Wissen Sie, ob wir bald da sind?" während
er mit ihr sprach sah er sich suchend nach irgendwelchen
Polizeibeamten oder ähnlichem um; er konnte
niemanden entdecken. Die Dame nickte: "So in
etwa vier Stunden sind wir in Lille. Wo möchtest
du denn hin? Nach Lille, oder noch weiter?"
"Nach England. Aber ich muss zuerst noch irgendwo
so schnell wie möglich ein Ticket kaufen."
"Und fährst du alleine?", wollte
sie wissen. "Ja, ich ...ähm ... ich besuche
eine Tante, die da lebt." Das war geschafft,
bloß nicht verplappern! Sie unterhielten sich
noch eine ganze Weile, Brian war die Frau sympathisch,
sie erzählte viel, er konnte sich zurücklehnen
und sich, wenn auch nur für kurze Zeit, in
ein anderes Leben ohne Angst träumen.
Ein Lächeln umspielte den Mund der Frau als
sie Brians entspanntes Gesicht sah, vorher hatte
er so ausgesehen wie ein verschrecktes Tier. Er
wirkte schon so unglaublich reif, sie wusste zwar
nicht wie alt er war, doch älter als achtzehn
war er bestimmt nicht. Die Frage wie alt er sei
kam für Brian unerwartet. "15. Aber gerade
erst geworden."
Sie musterte ihn genauer, die braunen, etwa kinnlangen
Haare rahmten sein Gesicht schön ein, die dunkelbraunen,
fast schwarzen Augen wirkten so tiefgründig
und undurchschaubar, doch sein Gesicht war von einer
seltsamen Trauer gezeichnet, die sich in dem leicht
bitteren Zug um seine Mundwinkel abzeichnete. Ansonsten
hatte er einen sehr wohlgeformten, schmalen Mund.
Die Unterlippe war ein bisschen größer
als die Oberlippe und beim Lachen bildeten sch leichte
Grübchen. Ihr fiel auf, dass sein Gesicht einen
sehr edlen Zug hatte, fast königlich wirkte.
Doch irgendetwas lastete ihm auf der Seele, dass
konnte sie sehen, nein, sie konnte es spüren.
Jetzt kramte er in seinem zerfledderten, alten Rucksack
und beförderte ein paar Schokoriegel zu Tage.
Der Riegel tat gut; er hatte Hunger gehabt, großen
Hunger und der war nun fürs erste befriedigt.
Okay, Schokoriegel waren vermutlich nicht das, was
sich der Durchschnittsmensch unter einer Mahlzeit
vorstellte, doch immerhin waren sie lecker und sättigten
etwas. Sie waren fast über die Grenze, als
der Zug hielt, mitten auf der Strecke. Sofort beschlich
Brian ein ungutes Gefühl. Das wurde noch verstärkt,
als sich im vorderen Teil eine Tür öffnete
und zwei niederländische und zwei deutsche
Polizisten eintraten. Brians Herz begann zu klopfen,
ganz deutlich verstand er, dass sie einen Jungen
suchten, der aus dem Heim entflohen war. Dann zeigten
sie ein Bild von ihm. Er musste handeln! Nur wie?
Es war nur eine Tür offen und die wurde von
einem Polizisten versperrt. Die Dame ihm gegenüber
bemerkte sein Verhalten und er konnte sehen, dass
sie verstand.
Seine Angst steigerte sich fast zur Panik. In ein
paar Minuten würden sie ihn erreicht haben
und so würde er nie bis nach Lille kommen;
aber wollte er sich denn schnappen lassen? Nein!
Definitiv nicht! Die Toilette! Eine Chance war es,
doch dann wurde ihm klar, dass sie damit wohl rechnen
würden. Es blieb nur eins, raus aus dem Zug
und zwar schnell. Zur Tür, an drei Polizisten
vorbei, das war nicht zu schaffen. Das Einzige was
möglich war, war durchs Fenster abzuhauen,
doch dann wären sie hinter ihm, dicht hinter
ihm. Er entschied sich dennoch dafür. "Vielen
Dank für Ihre Gesellschaft." "Warte,
Junge! Hier! Pass auf dich auf!" Er schloss
die Hand um das Geld und ein Lächeln zog sich
über sein Gesicht, die Dame lächelte ebenfalls.
"Danke!" und dann zerschlug er mit dem
"Hammer-für-den-Notfall" das Fenster.
Er konnte den Ruf des Polizisten hören, als
er zu seinem Kollegen brüllte: "Da! Da
vorne ist er!" Er sprang durch die Scherben
hindurch und riss sich den Oberarm längs auf.
Schmerzen durchzogen seinen Körper, doch dann
war er draußen und rannte, rannte als wäre
der Teufel hinter ihm her.
6 Jahre später: (Düsseldorf)
"Samantha! Aufstehen, es ist halb sieben!"
Ein zerwuschelter Kopf schob sich müde unter
der Bettdecke hervor, die Augen blinzelten kurz
"Mach das Licht aus!", grummelte das Etwas,
rollte sich zu Seite und zog die Bettdecke wieder
über den Kopf. Die Folge davon war, dass es
geschüttelt wurde, erst sanft, dann fester.
"Sam steh auf!" "Nervensäge!"
Samantha, genannt Sam, schälte sich aus dem
Bett, schubste ihren Adoptivbruder von sich und
schlüpfte in ihre Hausschuhe. Ein grinsender
Nikolas stand vor ihr. Sie trat ihm vors Schienbein.
`Du bist fies´ - murmelnd verzog er sich aus
ihrem Zimmer. "Wer ist hier fies?!", schrie
das Mädchen ihm hinterher; sie war ein ausgesprochener
Morgenmuffel. Sie zog sich schnell an, kämmte
sich kurz die Haare und rannte dann die Treppe runter
in die Küche. Nick stand, irgendeinen Takt
trommelnd, vor der gurgelnden Kaffeemaschine. Sam
warf ihm noch einen bitterbösen Blick zu und
machte sich dann an der Kakaodose zu schaffen. Sie
hasste Kaffee und sie hasste dieses Geräusch,
welches die Maschine machte. "Mach schon, du
Scheißteil!" Nicks Laune schien mittlerweile
auf dasselbe niedrige Level abgesunken zu sein,
wie das von Samantha. Die hatte ihren Kakao gerade
aus der Mikrowelle geholt und setzte sich nun mit
einem schadenfrohen Grinsen
hin und begann demonstrativ zu trinken."Dirk
ist schon weg, vor ´ner halben Stunde gefahren."
"So früh schon?" Samantha sah ihren
Bruder fragend an. "Ja, er hat irgendeinen
Termin, keine Ahnung. Und wer alles noch im Bett
liegt kannst du dir ja sicherlich denken."
"Marion?!" Nikolas hob nur die Augenbrauen.
Marion, Samanthas Adoptivmutter war arbeitslos (was
allerdings kein Problem machte, der Vater besaß
eine gut laufende Firma, was für den finanziellen
Wohlstand der Familie sorgte) und lag bis um neun
Uhr (mindestens) im Bett, die Arbeit im Haus erledigte
Fay, die Haushälterin. Dann war da noch Alana,
die 9 Monate alte Tochter von Dirk und Marion, die
schließlich auch schlafen konnte. Sam und
Nick gingen beide zur Schule, Sam mit ihren 14 Jahren
in die 9.Klasse und Nick mit 17 in die 12.
Mittlerweile war auch Nicks Kaffee fertig und er
setzte sich an den großen Küchentisch.
Gemeinsam frühstückten sie, wie fast jeden
Morgen."Und Kleines, was steht heute an?"
"Mathearbeit, ich glaub ich bin krank!"
Nick lachte "Wenn du gelernt hast, müsstest
du auch nicht krank sein!" "Ich hab gelernt!
Ich kann das!", protestierte die Jüngere.
"Was kommt denn vor? Soll ich dir noch auf
die Schnelle irgendwas erklären?" "Ist
ja lieb gemeint, aber lass mal, das verwirrt mich
dann vorher nur noch." "Wie du meinst."
Nick seufzte.
20 Minuten später verließ Sam das Haus
und fuhr mit dem Fahrrad zur Schule. Erste Stunde:
Deutsch. Sie sollten einen Brief an jemanden verfassen.
Eine
Person ihrer Wahl.
Lieber Brian,
dieser Brief mag dir sinnlos erscheinen, ich kenne
weder deine Adresse, noch weiß ich sonst etwas
über dich. Ich habe dich als den 14-Jährigen
Jungen in Erinnerung behalten, der mit mir versuchte
das Leben erträglich zu machen. Heute fühle
ich mich genauso wie damals, ich glaube dich im
Stich gelassen zu haben, hätte da sein müssen
für dich.
Mein Leben hätte ab meiner Vermittlung besser
nicht laufen können, ich habe eine wundervolle
Familie, die ich über alles liebe und ein geregeltes
Leben, welches mir viel Freude bereitet. Und dennoch
kreisen meine Gedanken so häufig um dich und
immer wieder stelle ich mir dieselben Fragen: Was
ist aus dir geworden? Wie siehst du aus? Wie verläuft
dein Leben? Warum meldest du dich nicht? Hast du
mich vergessen?
Du bist eine schmerzhafte Lücke in meinem Leben,
es ist, als fehle nicht nur ein Teil meines Lebens,
sondern auch ein Teil von mir selbst. Du bist der
Einzige, der von meiner Familie wirklich blieb.
An Mama und Papa kann ich mich nicht mehr erinnern,
du warst für mich Mutter, Vater und Bruder.
An dir konnte ich mich festhalten, wenn ich das
Gefühl hatte zu stürzen, du hast mich
beschützt, du warst für mich da.
Meine Zeit läuft vor mir fort und ich frage
mich ob es eine Chance gibt dich wieder zu sehen.
Ich frage mich, ob du dich verändert hast,
nicht nur äußerlich. Ich bin ehrlich,
wenn ich sage, dass ich mir schreckliche Sorgen
mache, Sorgen, dass du mit deinem Leben nicht mehr
klargekommen bist, Sorgen, dass du in Schwierigkeiten
steckst. Ich wäre so gerne bei dir, in deinem
Herzen.
Ich erinnere mich oft an die Geschichten von Mama
und Papa die du mir erzählt hast, an die Fotos
die du mir gezeigt hast. Ich lebe mein Leben in
der Vergangenheit, denn die Vergangenheit bist du
und die Gegenwart und die Zukunft sind leer. Brian,
ich vermisse dich! Mehr als du dir vorstellen kannst.
Ja, dein "kleines Prinzesschen" ist erwachsener
geworden. Ich hoffe, dass du dich irgendwann meldest.
Und denk daran, du bist in meinem Herzen und ich
hoffe, ich bin es auch.
Sie schrieb all dies einfach von der Seele, alles
was sie ihm hatte sagen wollen, was ihr viel bedeutete
und sie schon lange quälte. Das Resultat war
allerdings, dass sie seelisch ziemlich fertig war
und während der Mathearbeit ohnmächtig
wurde und vom Stuhl kippte. Den Rest der Schulzeit
verbrachte sie im Sanitätsraum, wo sich eine
aufgeregte Schulkrankenschwester um sie kümmerte
bis sie abgeholt wurde. Marion holte sie ab und
brachte sie nach Hause, wo sie Sam ins Bett verfrachtete.
Dort musste sie den Rest des Tages bleiben. Nick
saß lange bei ihr und lernte mit ihr für
die Mathearbeit die sie schließlich nachschreiben
müssen würde. Am Abend kam Dirk mit Marion
ins Zimmer. Sie setzten sich zu ihr ans Bett.
"Samantha, wir müssen mit dir reden. Deine
Deutschlehrerin hat gerade angerufen. Es geht um
den Brief den ihr verfassen musstet. Sie meinte,
du schienst sehr verzweifelt und dass du vielleicht
Hilfe benötigst." Sam runzelte die Stirn:
"Was heißt das genauer?" Marion
seufzte leise: "Sie meinte wir sollten ärztlichen
Rat einholen, da du vermutlich mit der Situation
alleine nicht klarkommst." "Sie hat mich
für psychisch labil abgestempelt und jetzt
soll ich zum
Irrenarzt?! Niemals!" "Du siehst das falsch
Sam; der Arzt könnte dir vermutlich helfen.
Überleg doch mal, du bist heute während
der Mathearbeit zusammengebrochen. So kann das nicht
weiter gehen."
"Ach ja? Hat einer von euch eine Ahnung wie
es ist, sich nicht an seine Eltern erinnern zu können
und einen Bruder zu haben, der irgendwo da draußen
steckt und von dem man seit sieben Jahren kein Lebenszeichen
gehört hat?!" "Samantha, wir können
uns denken, wie du dich fühlst, aber dennoch
würde es dir helfen. Wir werden morgen hinfahren."
"Ihr könnte euch überhaupt nichts
denken! Ihr habt keine Ahnung wie ich mich fühle!
Das hattet ihr noch nie! Ich werde nicht mitkommen!",
begehrte Sam auf.
Schließlich sagte auch Dirk etwas: "Samantha,
wir sind deine Eltern und du
tust was wir dir sagen!" "Ihr seid überhaupt
nicht meine Eltern, wart es nie und werdet es nie
sein! Meine Eltern sind tot!"
Sie brach in Tränen aus und dreht ihren Kopf
weg. In diesem Augenblick hörte sie die Tür
aufgehen. "Was ist denn hier los?", fragte
Nick verwirrt. Marion und Dirk standen beide wie
auf Kommando wortlos auf und verließen den
Raum. Nick sah ihnen kopfschüttelnd nach.
"Was ist passiert?", fragte er. "Sie
wollen mich zum Seelenklempner schicken! Ich werde
nicht gehen, ich bin nicht verrückt und auch
nicht geistig verwirrt und ich brauche definitiv
keine ärztliche Hilfe!", regte Samantha
sich auf.
"Sie wollen WAS?! Wie kommen sie denn darauf?",
Nick sah das Mädchen
entgeistert an.
"Wir... wir mussten in Deutsch einen Brief
schreiben, ich hab einen an Brian geschrieben und
jetzt hat meine Deutschlehrerin hier angerufen und
gesagt ich bräuchte Hilfe."
Nick setzte sich zu ihr und drückte ihren Kopf
an seine Brust. Sanft streichelte seine Hand über
ihre Haare. "Shht Kleines! Wir kriegen das
hin, okay?"
Sam drückte sich an ihn, fühlte sich geborgen
und für einen Augenblick erinnerte Nick sie
an Brian. Sie schluchzte leise. "Wie wär's
wenn du morgen erst einmal mitgehst und so tust
als wärst du einverstanden. Probier's erst
einmal aus. Vielleicht ist es ja gar nicht so schlecht,
hm?", murmelte er in ihre Haare. Ein Seufzen
drang von unten zu ihm herauf: "Meinst du wirklich?"
"Hm...!" Erneutes Seufzen, dann ein resigniertes
"Na gut... aber du kommst mit, ja?"
Nick schob sie ein Stück von sich weg und sah
ihr in die tiefbraunen Augen. "Wenn du das
möchtest komme ich selbstverständlich
mit. Ich pass auf dich auf, Kleines." Sie umarmte
ihn und drückte sich wieder an ihn. In diesem
Augenblick brauchte sie menschliche Nähe mehr
als je zuvor.
Am nächsten Tag fuhr Marion mit Nick ihr und
der kleinen Alana zu dem Arzt. Sam war äußerst
ungesprächig und hatte sich fest vorgenommen
es dem Arzt so schwer wie möglich zu machen.
Als Sam durch die Tür die Praxis betrat verschlechterte
sich ihre Laune noch mehr. Alles war freundlich
(für ihren Geschmack zu freundlich) eingerichtet
und vermittelte mehr den Eindruck eines modernen
Büros statt einer Praxis. Die überfreundliche
Dame mit dem aufgesetzten Lächeln an der mit
Blumen voll gestellten Rezeption war Samantha von
Anfang an total unsympathisch. Nach einer kurzen
Wartezeit die sie sich damit vertrieb leise mit
Nick über die schreckliche Frau von der Rezeption
zu lästern, betrat der Arzt das Wartezimmer
und bat Sam in sein "Büro" wie er
es nannte. Sam bezeichnete es in Gedanken als Folterkammer
noch bevor sie es sah. Sie warf Nick einen letzten
verzweifelten Blick zu und folgte dem Arzt.
"Und, wo ist die Couch?" fragte Sam provokant,
als sie die "Folterkammer"
betraten."Die haben wir abgeschafft weil die
Patienten immer eingeschlafen sind.", lachte
der Mann. Er deutete auf einen einladenden Drehsessel
der vor dem Schreibtisch stand, er selbst setzte
sich auf ein gleiches Modell, Samantha
gegenüber.
"Mein Name ist Frank Hepbrunn, aber du darfst
mich Frank nennen. Deine Adoptiveltern haben mich
schon über alles aufgeklärt. Jetzt würde
ich sehr gerne mehr über das Verhältnis
erfahren, dass du zu deinem Bruder hattest.Sam schwieg.
Es ging ihn nichts an, das alles ging ihn nichts
an. Er war ein Fremder. Der Einzige der mehr über
Brian wusste war Nick, dem sie blind vertraute.
"Wie ich sehe möchtest du nicht darüber
reden. Sagst du mir den Grund?"
"Es geht Sie nichts an!"
"Du darfst mich duzen. Schau mal Sam, ich möchte
dir helfen. Du scheinst deinen Bruder sehr zu vermissen."
"Wenn ich wenigstens wüsste dass es ihm
gut geht.", murmelte Sam. Es war ganz leise
gewesen, doch der Mann hatte es trotzdem gehört.
"Davon gehe ich aus. Bitte erzähl mir
von ihm!"
Sam wusste nicht wieso sie es tat, aber plötzlich
begannen die Worte nur so aus ihr herauszusprudeln.
Sie erzählte, wie er ihr Schlaflieder vorgesungen
hatte, ihr Geschichten erzählt hatte, sie sein
"Prinzesschen" genannt hatte und ihr schon
früh erzählte, dass sie irgendwann abhauen
würden. Leider hatte er nicht damit gerechnet,
dass Sam in eine Familie ohne ihn käme. So
waren sie getrennt worden und für Sam war ein
Teil ihres Lebens, ihrer Vergangenheit, ihrer Seele
hinter ihr zurückgeblieben. Sie erzählte
dem Mann wie sie nachts oft weinend in ihrem Bett
lag, nicht schlafen konnte und wenn sie es dann
doch endlich schaffte, nur Albträume hatte.
Er schwieg die ganze Zeit und hörte aufmerksam
zu. Schließlich empfahl er ihr ein Tagebuch
zu führen und alle ihre Gedanken an Brian darin
festzuhalten. Sie sollte ihren Eltern alles über
Brian erzählen und akzeptieren, dass er fort
wäre, auch wenn das vermutlich schwer sei.
Bei diesen Worten begann Sam zu weinen, stumme Tränen
liefen über ihre Wangen und fielen auf den
Fußboden. Frank Hepbrunn ignorierte ihre Tränen
und sagte: "Ich denke wir sollten jetzt auch
deine Mutter hereinholen, dann können wir ihr
das alles erklären, in Ordnung?" "Sie
ist nicht meine Mutter!"
Der Arzt stand auf und öffnete die Tür,
rief seiner Sekretärin etwas zu und blieb dort
stehen. Sam ignorierte ihn. Sie weinte noch immer.
Dann hörte sie Marion das Zimmer betreten und
drehte sich um. Sie hatte gedacht, dass Nick mitgekommen
wäre, doch das war er nicht.
"Wo ist Nick?"
"Im Wartezimmer, Schatz. Er passt auf Alana
auf."
"Ich will, dass er auch kommt.", meinte
Sam trotzig.
"Aber er muss doch ...", fing Marion,
wurde aber von dem Arzt unterbrochen.
"Er soll ruhig auch kommen, meine Sekretärin
wird auf ihre Tochter
aufpassen."
Also rief Marion auch Nick herein. Als er das Zimmer
betrat und Sam sah,
eilte er sofort zu ihr. "Sam, was ist passiert?
Du weinst ja? Hey, Kleines..." Er sah sie schockiert
an, und kniete neben ihr. "Was haben sie mit
ihr gemacht? Was haben sie ihr erzählt?",
fuhr er den Arzt an. Wenn Blicke töten könnten,
wäre der Arzt vermutlich zerstückelt aus
dem Fenster hinter ihm gefallen.
"Nick! Wie benimmst du dich?" Marion sah
ihren Sohn wütend an. "Dieser Mann
ist ein Arzt, er weiß was er tut! Er hilft
deiner Schwester." "Glaubst du es hilft
ihr, wenn sie noch einmal zusammenklappt?"
Er hob Sams Kopf an und sah sie an. "Sam, wir
gehen jetzt!" "Nikolas!" Marion stand
wie versteinert, rührte sich nicht als Nick
Samantha an ihr vorbeiführte, doch ihre Augen
glühten. Jetzt schaltete sich auch der Arzt
ein: "Nikolas! Hören Sie, ich möchte
Ihrer Schwester helfen. Wir können doch über
alles sprechen. Es hilft Ihrer Schwester. Vertrauen
sie mir. Begehen Sie keinen Fehler zu Lasten Samanthas"
Nick beachtete ihn nicht, er hatte den Arm um die
Schuler des stumm weinenden Mädchens gelegt
und öffnete gerade die Tür. Als sie an
die frische Luft traten drückte er sie an sich.
"Du brauchst nicht mehr zu ihm zu gehen. Ich
will nicht, dass er dich zum Weinen bringt."
Sam schwieg. "Wir fahren mit der Straßenbahn
nach Hause, okay?" Keine Reaktion. Nick umfasste
ihre Hand und ging mit ihr zu der Straßenbahnstation
auf der anderen Straßenseite.
"Er hat gesagt, ich müsste akzeptieren,
dass Brian weg ist." Nick antwortete zuerst
nicht, sah dann zu ihr herunter, legte die Hände
auf ihre Wangen und sah sie fest an. "Er wird
kommen." In seinen grünen Augen war keine
Lüge.
(London)
"Verdammt Brian, mach schneller!" Brian
warf im Rennen einen Blick über die Schulter
und konnte die beiden berittenen Polizisten näher
kommen sehen. Sie hielten ihre Pferde im scharfen
Galopp und Silas und Brian hatten eigentlich so
gut wie keine Chance. "Scheiße!"
Brian erhöhte sein Tempo noch einmal. Mittlerweile
keuchte auch er, seine Beine schmerzten und bei
jedem Atemzug schien sich ein Messer in seine Brust
zu bohren. Silas wurde langsamer und Brian überholte
ihn.
"Fuck, Brian ich schaff's nicht. Lauf du weiter,
ich kann nicht mehr!" Brian wandte ein zweites
Mal den Kopf und sah, dass die Polizisten immer
näher kamen. Silas und er würden es nicht
schaffen.
"Hier!" Silas warf ihm das kleine Päckchen
zu. "Nein, Silas das kann ich nicht!"
Es fiel ihm schwer überhaupt noch Worte heraus
zu bekommen. Doch es war zu spät. Silas war
keuchend zusammengebrochen und Brian konnte nichts
mehr für seinen alten Freund tun. Also tat
er das Einzige was blieb, wenn er nicht auch im
Knast landen wollte. Er versuchte sich und die Beute
zu retten. Als er abermals über die Schulter
zurücksah, konnte er sehen, dass der eine Reiter
abgestiegen war und neben Silas kniete. Er schien
ihm Handschellen anzulegen. Der zweite Polizist
war immer noch hinter ihm und er kam auch immer
noch näher. Brian wandte sich nach links und
fand sich in einer schmalen Seitengasse wieder.
Der Mann würde Probleme haben hier überhaupt
reinzukommen. Doch er kam, Brian hörte das
Donnern der Hufe hinter sich.
"Bleiben Sie stehen! Sie haben keine Chance!"
Brian ignorierte ihn. Er erreichte das Ende der
Gasse und wandte sich nach rechts. Das Problem war,
dass die Straße die vor ihm lag voller Passanten
war. Das konnte sich zu seinem Vor- allerdings auch
zu seinem Nachteil entwickeln. Und das tat es auch.
Während Brian sich durch die Menschenmassen
schlängelte, wurde dem Polizisten großzügig
Platz gemacht. Er holte langsam aber beständig
auf. Brian bog plötzlich in eine weitere Seitengasse
ab, schließlich hatte dieser Trick schon so
oft funktioniert. Doch als er sich umwandte sah
er, dass der Reiter ihn keineswegs aus den Augen
verloren hatte. Im Gegenteil, er war wieder angaloppiert
und kam bedrohlich nahe. Wieder fand er sich auf
einer Straße wieder, doch diesmal hatte er
Glück. Er konnte den Hyde Park sehen. Das war
die Gelegenheit. Er legte noch einmal einen Zahn
zu und bog in den Park ein. Nun würde er nur
noch ein Versteck finden müssen.
Der Reiter war dicht hinter ihm. "Zwingen Sie
mich nicht zu schießen!" Brian zeigte
ihm das Teufelszeichen und rannte weiter. Er sprang
erschrocken zur Seite, als sich plötzlich eine
Kugel neben ihn in den Kies stanzte. Kurzerhand
entschied er sich querfeldein zu laufen. Die Menschen
an denen er vorüberraste sahen ihn von erstaunt
bis erschreckt an. Brian hätte es vermutlich
geschafft zu entkommen, denn mittlerweile nagte
anscheinend auch das Pferd an seinen Kräftereserven.
Doch dann tauchte plötzlich ein Streifenwagen
auf, etwas womit er am allerwenigsten gerechnet
hatte.
Die Polizisten sprangen heraus und richteten ihre
Waffen auf ihn. Das Dumme
war, dass es keine Ausweichmöglichkeit gab.
Hinter ihm walzte der Reiter wie eine lebende Lawine
heran und vor ihm war eine unüberwindbare Barriere.
Warum musste so eine Scheiße auch immer ihm
passieren, es wäre zu schön gewesen. Als
einer der Polizisten einen Warnschuss abgab (natürlich
wandten sich nun auch die Köpfe der Passanten,
die bis jetzt noch nicht aufmerksam geworden waren)
verringerte Brian sein Tempo und blieb schließlich
stehen. Es gab kein Entkommen mehr. Er wusste, dass
diese Männer ihm wahrscheinlich ins Bein schießen
würden, würde er seine Flucht fortsetzen.
Außerdem drohten ihm ja "nur" 5
Jahre, vielleicht auch ein bisschen mehr.
"Hände hoch und keine Bewegung!"
Er kannte dieses Kommando, hatte er diese Prozedur
doch nun schon zweimal über sich ergehen lassen
müssen. Mit etwas Verzögerung hob Brian
die Arme und tat etwas, was Polizisten dem Anschein
nach am meisten ärgerte: er grinste. Das verging
ihm allerdings, als einer der Männer auf ihn
zu trat und ihm mit einem heftigen Ruck den Arm
auf den Rücken drehte. Der zweite folgte sogleich.
Mittlerweile waren zwei weitere Polizisten hinter
ihn getreten. Sie schienen ihn für seeeehr
gefährlich einzustufen.
"Runter!" Bevor Brian überhaupt reagieren
konnte, wurde er auf den Boden gedrückt und
ihm Handschellen angelegt. Er war etwas verwundert,
so einen Aufstand hatten die Polizisten noch nie
gemacht. Bis jetzt war alles immer schnell und glatt
gelaufen. Aber dieses Mal ...
Während einer meinte ihn mit einem Knie weiter
zu Boden zu drücken (Brian wäre so oder
so nicht aufgestanden) untersuchte ihn ein andere
auf Waffen. Er griff in seine Jackentasche und beförderte
das Päckchen zu Tage. Als er ihn weiter abtastete
kamen noch eine Pistole und ein Messer ans Licht.
"Fuck!" "Ja was haben wir denn da?
Da sind ja die beiden Smaragde. Kaum zu glauben,
dass sie zusammen einen Wert von über 5000
Pfund haben." Während Brian grob wieder
hoch gezerrt wurde flüsterte ihm der Polizist,
anscheinend der Reiter, ihm ins Ohr: "Du warst
schnell mein Freund, aber nicht schnell genug."
Er lachte höhnisch.
Brian hätte ihm am liebsten ins Gesicht geschlagen,
nur leider hinderten ihn die Handschellen daran.
Er wurde zum wagen geführt und hineingedrückt.
Brian wehrte sich natürlich, allerdings nur
aus reinem Trotz. Ein Beamter nahm neben ihm Platz,
dann fuhren sie los. Brian hasste es in Handschellen
auf einem Sitz zu sitzen. Seine Arme taten höllisch
weh als die Fahrt zu Ende war und sie vor dem großen
Polizeikomplex hielten.
Als sie ihn nach drinnen führten wurde er zunächst
in eine kleine Zelle verfrachtet, dort verbrachte
er einige Zeit. Brian kam es vor wie Jahre. Er beschäftigte
sich damit in dem höchstens 8m² großen
Raum auf und ab zu gehen. Alles was sich hier drinnen
befand waren eine Toilette, ein Waschbecken und
eine schmale, unbequem aussehende Pritsche. Oben
an der Wand war ein winziges, vergittertes Fenster.
Fluchmöglichkeit = 0. Wenigstens konnte er
seine Arme wieder bewegen, immerhin etwas. Warum
zum Teufel musste auch ausgerechnet ER immer so
viel Pech haben. Okay, er hätte sich nicht
mit BlackSoul, sein Auftraggeber, der außergewöhnliche
Namen bevorzugte, einlassen sollen, aber irgendwoher
brauchte er ja Geld und eine Unterkunft. Er hoffte
er würde bald hier raus kommen.
Er hörte das Schloss der dicken Stahltür
knarren und schließlich öffnete sich
die Tür. Zwei Polizeibeamte traten herein,
legten ihm kommentarlos Handschellen an - Brian
hatte es aufgegeben sich zu wehren, es wäre
so oder so sinnlos gewesen - und führten ihn
aus der Zelle, einige Etagen nach oben und in ein
kleines Vernehmungszimmer. Der junge Mann der auf
der anderen Seite an der Wand gelehnt stand sah
ihn kopfschüttelnd an. "Brian, so sieht
man sich wieder." "Hallo Nathan ...",
murmelte Brian, während er auf den Stuhl gedrückt
wurde. Die Beamten bequemten sich natürlich
NICHT ihm die Handschellen abzunehmen, aber Brian
hatte es auch gar nicht anders erwartet. Nathan
machte eine Handbewegung und die Polizisten verließen
den Raum. Sie waren alleine.
"Hast du keine Angst, dass ich dich anfallen
könnte?" fragte Brian provozierend. "Das
würdest du nicht tun." "Es wäre
mir ein Leichtes." Etwas in Nathans Stimme
veränderte sich: "Wenn du irgendetwas
Unüberlegtes tust, mein Freund, dann erschieße
ich dich. Das verspreche ich dir." Brian runzelte
die Stirn, er kannte Nathan schon eine ganze Weile
und in gewisser Weise hatte sich so etwas wie eine
Freundschaft entwickelt, falls man es so nennen
konnte. Nathan arbeitete schließlich bei der
Polizei, Brians größtem Feind. Aber er
kümmerte sich auch um Brian, er war sozusagen
dafür verantwortlich, dass Brian nicht wieder
"vom Weg" (wie er es nannte) abkam. Doch
bis jetzt waren alle seine Bemühungen ohne
Erfolg geblieben. "Ist irgendetwas passiert?"
"Das fragst du noch? Ich hätte dir so
etwas nie zugetraut, Brian. Ich habe dich trotz
deiner kriminellen Aktionen für eine guten
Menschen gehalten und ich habe dir verdammt noch
mal ziemlich oft aus der Scheiße geholfen.
Und das ist dein Dank?"
Brian war irritiert, das Nathan sich so über
eine relativ "kleine" Aktion aufregte
war ungewöhnlich. Er hatte schon ganz andere
Sachen fabriziert. "Was regst du dich so auf?
Du weißt, dass ich nicht einfach aussteigen
kann. Er würde mich umbringen, wenn ich es
täte, ich führe nur meine Aufträge
aus und diese kleine Sache mit den Smaragden war
doch völlig harmlos. Es wurde niemand verletzt."
Nathan schüttelte ungläubig den Kopf.
"Du brauchst dich gar nicht dumm stellen. Ich
weiß es und jeder andere hier weiß es
auch. Nur keiner weiß warum. Warum Brian?
Warum?" "Was denn? Kannst du mich endlich
mal aufklären? Ich habe keine Ahnung, was du
von mir willst."
Nathan drehte sich herum und sah Brian an. In seinen
Augen blitzte es gefährlich auf. Unwillkürlich
lehnte sich Brian ein Stück zurück. Und
dann tat er etwas, was er wohl lieber nicht hätte
tun sollen: Er zuckte mit den Schultern und sah
Nathan verwirrt an. Im nächsten Moment war
dieser plötzlich vor ihm und schlug ihm die
Faust in den Magen, sodass Brian mit einem erstickten
Keuchen auf seinem Stuhl
zusammensank. Nathan schlug noch einmal zu. "Nathan!
Hör auf, verda..." Ein weiteres Mal schlug
er zu. Brian stürzte seitlich von Stuhl und
hob schützend die Arme.
Die Tür wurde aufgerissen und zwei Männer
stürzten herein. Ein weiterer Mann, im Anzug,
trat hinter ihnen ein. Die Beamten packten Nathan
und zerrten ihn von Brian fort. Der sah mittlerweile
alles leicht verschwommen und kämpfte mit der
Ohnmacht. Er krümmte sich vor Schmerzen. Der
Mann im Anzug griff unter seine Arme, riss ihn grob
nach oben, sodass sich alles um Brian drehte und
er einen taumelnden Schritt machte und schob ihn
wieder auf den Stuhl, wo Brian in sich zusammensank.
Ihm fehlte einfach die Kraft.
In einer Ecke brüllte Nathan unverständliche
Worte auf Irisch und gebärdete sich wie wild.
Brians Blick klärte sich langsam wieder, die
Schmerzen sanken auf ein erträglicheres Maß
herab. Brian war wie vor den Kopf gestoßen,
er wusste wirklich nicht, was los war. Jetzt brüllte
Nathan wieder auf Englisch: "Du hast sie umgebracht
du Arschloch, du hast sie einfach umgebracht. Ich
hasse dich! Ich hasse dich!" Brian starrte
ihn entsetzt an. Wen hatte er umgebracht?
Sam träumte diese Nacht wieder von ihrem Bruder.
Sie träumte er wäre in großen Schwierigkeiten.
Außerdem litt er, das konnte sie spüren.
Es war nicht so, dass sie Bilder sah, wie man es
normalerweise tat, wenn man träumt, nein, sie
spürte seine Empfindungen und Gefühle
und hatte etwas Einblick in seine Gedanken. Doch
diese machten ihr klar, dass er nicht mehr 14 war,
sondern mit seinen mittlerweile 21 Jahren sehr erwachsen
geworden war, wenn er es vorher nicht schon gewesen
war. Doch es war nur ein Traum. Seltsamerweise war
sich Samantha dessen sehr bewusst. Die ganze Zeit
über war ihr klar, dass sie nur träumte
und dennoch war es ein kleiner Schock zu träumen,
dass es Brian nicht so gut ging, wie sie immer dachte
und hoffte.
Sie wurde von einer Berührung wach, als sich
ein Arm um sie legte. Keine Erinnerung an den letzten
Tag. Wo war sie? Wie kam sie her? Und wer war das,
der hinter ihr lag? Sie wandte den Kopf aber konnte
noch nichts erkennen. Sam drehte sich leicht und
konnte Nick erkennen, der schlafend da lag. Schlagartig
kehrte die Erinnerung zurück. Sie waren mit
der Straßenbahn unterwegs gewesen und Nick
hatte gesagt er würde sie zu einem Kumpel aus
seiner Band bringen, wo sie schlafen könne.
Und dann wusste sie nur noch, dass sie aufgestanden
war und dann war da nichts mehr.
Nick regte sich und zog seinen Arm zurück,
dann öffnete er die Augen. "Hey",
murmelte er noch ganz verschlafen. Seine Haare waren
verwuschelt und standen in alle Richtungen. Seine
Augen waren klein und sahen müde aus. Und dann
dieser Zug, den er um den Mund hatte. Sam musste
plötzlich lachen, er sah einfach zu süß
aus. Der verwirrte Blick den er ihr zuwarf verstärkte
ihren Lachanfall noch. "Guck...guck mal in
den... in den Spie...Spie...gel!", brachte
Samantha mühsam hervor. Leicht panisch richtete
Nick sich auf und schaffte es irgendwie ohne zu
stürzen zum Spiegel zu tapern und einen Blick
hineinzuwerfen.
"Ahhhhhhhhhhhhhhhhhhhh! Wie seh' ich denn aus?!?!?!"
Er wollte sich umdrehen und rausrennen doch Sam
meinte plötzlich: "Bleib doch hier. Ich
will mal wieder kuscheln." Also wandte Nick
sich zögernd wieder um und tapste zum Bett
zurück, legte sich neben Sam und zog sie an
sich heran. Seine Arme schlangen sich um ihren Körper
und sein warmer Atem strich sanft über ihren
Nacken. Sam wurde ganz warm von innen und ein leichtes
Kribbeln erfüllte sie. Ein Gefühl, dass
sie
so noch nicht gekannt hatte, doch sie genoss es.
Als Nick ihr einen sanften Kuss in den Nacken hauchte
fühlte sie sich als hätte sie tausend
kleiner Schmetterlinge in ihrem Bauch. Konnte es
sein, dass sie... Nein! Das durfte sie nicht! Sie
schüttelte die Gedanken von sich ab. "Sam?"
"Hm, was ist Nick?" "Ich muss dir
etwas sagen... ich..."
Die Tür öffnete sich und Johannes Nick's
Bandkumpel trat ein. "Na was ist denn hier
los? Schmusestunde? Darf ich auch mitmachen?"
Kurzerhand flog ein Kissen in seine Richtung und
traf ihn am Kopf. Blitzschnell verzog er sich hinter
die Tür und rief von dort aus: "Ich wollte
euch eigentlich nur sagen, dass das Frühstück
fertig ist. Es gibt Croissants und Brötchen
und Kaffee und Kakao sind auch fertig. Außerdem
hab ich auch schon ne Zeitung besorgt. Na? Bin ich
gut oder bin ich besser?" Ein weiteres Kissen
flog in Johannes Richtung. "Okay, okay! Ich
geh ja schon! Ich hab im Übrigen schon gefrühstückt.
Ich wäre euch nur dankbar wenn ihr in etwa
einer Stunde fertig seid, weil dann meine Eltern
von ihrem Kurztrip wieder kommen und vermutlich
nicht sehr froh darüber sind wenn du hier bist
Nick." Jo's Eltern hassten Nick, da dieser
dafür verantwortlich war, dass ihr Sohn die
Schule abgebrochen hatte und sich jetzt nur noch
auf seine Musik konzentrierte. Das war natürlich
Schwachsinn, immerhin war Jo alleine für sich
verantwortlich und nicht Nick.
Ein paar Minuten später bewegten sich also
Nick und Sam zum Frühstück in die
kleine Küche. Nick wandte sich Brötchen-mampfend
der Zeitung zu.
"Schmatz nicht so Nick!" "Ruhe auf
den billigen Plätzen!" "Hey! Sei
mal nett zu mir! Außerdem ist Zeitung lesen
langweilig!" "Woher willst du das denn
wissen, du has doch noch nie ..." Mitten im
Satz brach Nick ab und seine Augen weiteten sich.
"Sam? Ich denke, das solltest du mal sehen!"
Er starrte noch immer fassungslos auf die Zeitung.
Und als Sam die Artikelüberschrift las, erstarrte
sie auch. Heiß und kalt lief es ihr über
den Rücken und sie konnte den Blick nicht von
der Zeitung reißen.
Als Brian die Augen öffnete war es noch dunkel.
Dennoch entschied er sich aufzustehen. Als er sich
aufrichten wollte, durchzogen Schmerzen seinen
Bauch. Langsam gewöhnten sich seine Augen an
die Dunkelheit und er konnte schemenhaft die Toilette
und das Waschbecken, sowie hoch oben das Fenster
sehen, durch das ein wenig Licht, der draußen
stehen Straßenlaternen, fiel. Es tauchte die
Zelle in ein unwirklich erscheinendes fahles Licht
in dem alles irgendwie falsch wirkte. Er hielt seine
linke Hand von sich, ließ sie ins Licht eintauchen
und betrachtete den schmalen Ring der an seinem
Ringfinger glänzt.
Er schien von innen heraus zu leuchten. Fasziniert
betrachtete er wie sich das Licht an ihm brach.
Und unwillkürlich dachte er an sie. Seine große
Liebe. Die Liebe, die außerhalb dieser geschlossenen
Mauern auf ihn wartete. Ein Seufzen entrann seiner
trockenen Kehle. Auch dieser Laut hörte sich
unwirklich und falsch an. Sein Hals war trocken
und rau, doch er hatte keinen Durst, genauso wenig
wie er Hunger hatte. Gefühle hatte er im Augenblick
auch keine, außer vielleicht die Schmerzen
die ihn noch immer quälten, aber das war auch
schon alles und selbst sie waren nur noch ein Echo,
ein Widerhall ihrer selbst; dumpf und unbedeutend.
Er empfand keine Wut auf sich oder Nathan, oder
die Polizisten die ihn verhaftet hatten. Er empfand
keine Trauer oder Bedauern, dass er in dieser Zelle
saß. Hätten sie ihn jetzt rausgelassen,
es wäre ihm egal gewesen. Vermutlich würde
er draußen umkommen. Er wusste es fast mit
tödlicher Sicherheit. BlackSoul würde
es nicht dulden, dass er versagt hatte. Die Smaragde
wären ein großes Geschäft für
ihn gewesen und jetzt würde er als Lieferant
einen Verlust machen. Und Brian und Silas waren
Schuld. Also würde er sie töten. Sie hatten
ein Spiel mit hohem Risiko gespielt und verloren,
nun würden sie den Preis dafür bezahlen
müssen. Die Gedanken die er hatte, durchflossen
ihn mit erschütternder Klarheit und dennoch
blieb er völlig emotions- und gefühllos.
Mittlerweile waren sie zu seiner Schwester gewandert.
Er hatte sich geschworen sie zu finden. Bis jetzt
hatte er seinen Schwur noch nicht gehalten. Und
ein einziges Gefühl drang durch seine selbst
errichtete Mauer. Schuld. Er empfand Schuld dafür,
dass er Samantha alleine gelassen hatte, einsam
und im Ungewissen. Doch mehr als Schuld war da nicht,
was er fühlte. Vielleicht Kälte. Sie kam
nicht von außen, nein, es war eine innere
Kälte die von ihm Besitz ergriffen hatte.
Inzwischen war es draußen heller geworden.
Brian zog seine Hand, die er immer noch betrachtet
hatte aus dem nun intensiven Lichtstrahl heraus.
Er legte sich wieder auf die Pritsche, den Blick
nach oben gerichtete und dachte nichts. Er lag einfach
da, gefühllose, sinnlos - zeitlos.
Die Tür öffnete sich quietschend und knarrend.
Brian regte sich nicht. "Los! Steh auf!",
bellte der Beamte. Brian rührte sich noch immer
nicht. Er zuckte nicht einmal als die Stimme des
Mannes laut und fordernd, sich an den Wänden
brechend, ertönte. "Hörst du schlecht?
Aufstehen hab ich gesagt!" Brian nahm den Mann
gar nicht wahr, er hatte noch nicht einmal die Tür
gehört.
Selbst als er gepackt wurde, hoch gezerrt, ihm wieder
mal die Arme verdreht und Handschellen angelegt
wurden, zeigte er keine Reaktion. Willenlos ließ
er sich aus der Tür ziehen und die Treppen
hoch schleifen. "Mach schneller!" Der
Polizist versetzte ihm einen derben Stoß.
Brian stürzte auf dem glatten Flur, blieb liegen.
Er wurde hoch gerissen und wieder geschubst. "Stell
dich nicht so an! Jetzt geh schon!" Brian setzte
einen Fuß vor den anderen, den Blick starr
geradeaus gerichtet. Schließlich saß
er in Nathans Büro, immer noch in Handschellen.
Mittlerweile waren seine Handgelenke ganz rot und
aufgeschürft. Normalerweise würde es schmerzen,
er spürte es nicht.
Nathan saß ihm gegenüber, sah ihn kalt
an, berechnend; erwartete vermutlich eine Reaktion,
eine Regung. Irgendetwas. Doch nichts geschah. Brian
saß vor ihm, schien durch ihn durch zu sehen
und zeigte keine Regung. Er blinzelte nicht einmal.
Obwohl er ihn hassen sollte, was Nathan sich krampfhaft
einredete, sorgte er sich in diesem Augenblick fürchterlich
um den jungen Mann, der einst sein Freund gewesen
war. In einem solchen Zustand hatte er ihn noch
nie gesehen. Brian war bis jetzt immer der Kämpfer
gewesen, der niemals aufgab, egal wie chancenlos
er war. "Brian?" Nichts.
Nathans Gedanken rasten. Selbst sein Zorn war verflogen.
Er begann eine Nummer zu wählen, wartete ungeduldig
auf das Freizeichen. Als sich die Stimme des Mannes,
den er hatte erreichen wollen, meldete, sagte er
in einem Befehlston, den er so nicht von sich kannte:
"Bringt diesen Silas zu mir! Schnell!"
Ungefähr drei Minuten später wurde ein
stark protestierender Mann in sein Büro geführt.
Nathan nickte kurz und die Beamten blieben hinter
Silas stehen.
"Hey Brian! Dich haben sie also auch erwischt.
So `ne Scheiße. Keiner hat mir gesagt was
los ... Brian?" Nathan senkte resigniert den
Kopf. Er hatte gehofft, dass Brian zumindest reagieren
würde, wenn Silas da wäre, doch das war
nicht geschehen. "Was is mit ihm?", wollte
Silas jetzt wissen. "Ich weiß es nicht,
ich hatte gehofft, du könntest es mir sagen,
oder etwas bewirken." "Abgefahren.",
murmelte der dunkelhäutige Straftäter.
Seine braunen Augen blickten ratlos auf das, was
er nach langer Zeit geglaubt hatte zu kennen, zu
verstehen. In Nathans Blick war derselbe verzweifelte
Ausdruck zu finden. Alles was er vor ungefähr
10 Stunden gesagt oder getan hatte war vergessen.
Alles was er erlitten und erlebt hatte war vergessen.
Sein eingebildeter Hass, sein Zorn, weg. Er wusste
nur noch eines, dass er tun konnte. Nathan griff
zum Telefon.
Wir rufen Sie an, wenn wir Näheres herausgefunden
haben. Bis dahin müssen wir Sie bitten sich
zu gedulden." Samantha nickte. Sie war nicht
enttäuscht, nur fühlte sie sich so hilflos.
Nick legte ihr die Hand auf die Schulter "Wird
schon werden, Kleines." Sie rang sich ein Lächeln
ab. Einerseits waren die Nachrichten ja zum Freuen,
andererseits war die Aussage das, was sie erschütterte.
Ihr Bruder ein Mörder? Das könnte er doch
nicht. Außer wenn er in Notwehr gehandelt
hätte. Doch laut diesem Artikel war es ein
geplanter kaltblütiger Mord
gewesen. Schon der Titel:
Warum tötete er sie?
Kaltblütiger Mord an einer englischen Polizeibeamtin!
Sie hatte es zwar aufgenommen, aber noch nicht wirklich
realisiert. Die Charakterzüge die in dem Artikel
an ihm beschrieben wurden, kannte sie nicht. Oder
hatte er sich verändert? Sie würde es
hoffentlich bald erfahren. "Du solltest dich
ablenken!", vernahm sie Nicks Stimme dich an
ihrem Ohr. "Lass und irgendwohin fahren wo
es schön ist." Sie nickte zustimmend.
Etwas Ablenkung täte ihr sicher gut. Also entschlossen
sie kurzerhand außerhalb der Stadt zu fahren
und ein Picknick zu veranstalten. So etwas hatten
sie beide das letzte Mal kurz nach Sams Adoption
zusammen mit der Familie gemacht. Zuerst fuhren
sie mit der Bahn zurück zu einem weiteren Freund
von Nick, der eine eigene Wohnung hatte und packten
ein paar Sachen ein, dann bestellte Nick ein Taxi
und sie ließen sich mitten auf dem Land absetzen.
Um sie herum war nichts außer grünen
sanften Hügeln, ein paar vereinzelten Bauernhöfen
und Gehöfte. Es war wunderschön. Idyllisch,
friedlich und lud geradezu dazu ein sich niederzulassen
und sich zu entspannen. "Na dann wollen wir
mal.", murmelte Sam und fing an die Sachen
auszupacken. Ihr Adoptivbruder half ihr. Sam wollte
gerade nach ihrem ersten Stück Brot greifen
als Nick ihre Hand festhielt."Warte! Weißt
du worauf ich jetzt Bock hätte?" Samantha
zuckte hilflos die Schultern und sah ihn fragend
an. Ohne großartige Vorwarnung stieß
Nick sie von der Decke runter und ins Gras. "Hey!",
schrie Sam überrascht auf. "Na warte,
das kriegst du zurück!" Mit diesen Worten
ließ sie sich gegen ihn fallen. Leider hatte
sie nicht daran gedacht, dass es hinter Nick den
Hügel herunterging. Mit einem überraschten
Aufschrei krallte sie sich an ihm fest. Doch es
war zu spät. Ineinander verschlungen kugelten
sie lachend den Abhang runter. Unten angekommen
blieben sie nebeneinander liegen. Sie konnten nicht
mehr vor Lachen.
Sam packte einen Büschel Gras und warf ihn
Nick ins Gesicht. Das verlangte Revanche und kurz
darauf flogen die Grasbüschel nur so. Erschöpft
ließen sie sich nebeneinander in das beachtlich
hohe Gras sinken. "Mit Marion und Dirk hätten
wir so etwas nie gemacht oder gedurft.", meinte
Sam plötzlich. "Hm ..." "Weißt
du, Nick. Ich glaube ich möchte gar nicht mehr
zurück. Mir gefällt dieses Leben viel
besser, es ist so ... frei und unbeschwert. Deine
Eltern haben sich auch noch nicht gemeldet oder
irgendwie auf die Suche gemacht nach uns. Willst
du zurück?"
"Ich weiß es nicht. Unser Leben war doch
eigentlich schön. Ich denke es war das Leben,
was sich viele wünschen. Eine nette Familie,
ein großes Haus, oder besser, eine Villa,
Geld und alles was man so gerne hätte. Aber
andererseits hast du Recht, es war ein eingeschränktes
Leben. Wie das Leben eines eingesperrten Vogels.
Nur wenn man ihn freilässt kann er fliegen
und dann kehrt er vermutlich nicht wieder zurück.
Denkst du, du kannst jetzt fliegen?" "Zumindest
weiß ich, wie es sich anfühlt zu fliegen.",
lächelte Sam. Sie rückte ein Stück
näher an ihn heran. "Und ich denke du
hilfst mir. Ich weiß nicht, was ich ohne dich
machen
würde." Und dann war da plötzlich
wieder dieses Gefühl in ihrem Bauch. Dieses
Gefühl der vielen Schmetterlinge die ein wohliges
Kribbeln und Prickeln
verursachten. Sie konnte Nicks Augen nicht entfliehen.
Diese grünen Augen, die Seine Seele wiederzuspiegeln
schienen. Und sie fühlte sich geborgen. Geborgen
in seiner Nähe.
Sie ließ sich auf den Rücken fallen um
seinen Augen zu entgehen, doch plötzlich war
Nick über ihr. Er stützte seine Arme seitlich
neben ihren Kopf. Ihre Gesichter waren sich nahe,
sehr nahe. Eine Art greifbare Spannung lag in der
Luft. Sie konnte seinen Augen wieder nicht entfliehen,
also schloss sie die ihren einfach. Dann spürte
sie seine Lippen auf den ihren, roch den angenehmen,
leicht herben Duft seines Aftershaves, der ihn umgab
und sie irgendwie anzog und auf einmal war es ihr
ganz klar. Sie liebte Nick. Sie liebte ihn vom tiefsten
Grund ihrer Seele und sie hatte es eigentlich schon
die ganze Zeit gewusst.
Als er sie küsste hatte sie das Gefühl
von innen zu explodieren, zu schweben und zu springen
gleichzeitig. Sie konnte es nicht beschreiben, es
war einfach atemberaubend und es war ihr erster
Kuss. Dieser erste Kuss war voller Leidenschaft
und Liebe, voller Wärme und Vertrautheit und
er war wunderschön. Als sich ihre Lippen von
einander lösten, öffnete sie die Augen
und lächelte. "Ich liebe dich Sam.",
es war alles was Nick sagte, diese paar Worte, doch
sie bedeuteten die Erfüllung ihrer geheimsten
Wünsche und Träume, die sie sogar vor
sich selbst versteckt hatte. "Ich liebe dich
auch Nick, mehr als du dir vorstellen kannst."
Und nun lächelte auch Nick und sie versanken
in einem weiteren
leidenschaftlichen Kuss.
Entnervt knallte Nathan den Hörer auf die Gabel.
"Scheiße, Scheiße, Scheiße!
Warum verdammt noch mal tu ich das eigentlich? Warum?!?!?!!?"
Es musste wirklich schlimm um ihn stehen, immerhin
führte er jetzt schon Selbstgespräche!
Er wollte nicht mir Brian darüber sprechen,
zumindest noch nicht. Aber es schien als könnte
er ohne seine Hilfe auch nichts bewirken. Trotzdem
verwarf er die Idee den jungen Mann um Hilfe zu
bitten, er würde nicht mit ihm sprechen, vermutlich
würde er ihn nicht einmal wahrnehmen. Selbst
ein erfahrener Polizeipsychologe der sich seit mittlerweile
zwei Tagen um Brian kümmerte war ratlos. Er
hatte Fälle wie diesen erlebt, aber auch immer
eine Antwort parat gehabt, doch hier war er hilflos.
"Okay, ganz ruhig Nathan, noch einmal von vorne
..." Wenn ihn so einer seiner Kollegen entdeckt
hätte, mit sich selbst redend, den Kopf aufgestützt,
die
Augen geschlossen ... Vermutlich hätten sie
ihn für verrückt gehalten (allerdings
war er sich auch nicht mehr ganz sicher, was seinen
psychischen Zustand betreffen musste). Was er tat
schien schlicht und ergreifend sinnlos und trotzdem
wollte, konnte er nicht aufgeben.
Über die englische Auskunft hatte er nichts
erreicht, also würde er es einfach mit der
deutschen probieren. Das Problem war, außer
"Hallo", "Arschloch" und "Idiot"
kannte Nathan kein deutsches Wort. Egal, Englisch
war die Weltsprache und diese Menschen würden
es bestimmt beherrschen. Nachdem er über Google
eine Auskunft ausfindig gemacht hatte schickte er
ein kurzes Stoßgebet zum Himmel (obwohl er
ja eigentlich nicht gläubig war, aber man wusste
ja nie) und wählte die Nummer. Nachdem sich
die Frau am anderen Ende gemeldet hatte, ignorierte
Nathan dass was sie gesagt hatte (vermutlich war
es eh unwichtig) und fragte sie auf Englisch nach
dem was er wissen wollte. Er hatte dreifaches Glück:
Erstens, sie verstand Englisch und zweitens: Innerhalb
kürzester Zeit konnte sie ihm die Nummer geben,
die er brauchte. Er erhielt sogar die Adresse. Das
dritte Glück war eigentlich einfach nur zeitsparend,
er wurde direkt verbunden mit dem was er hatte haben
wollen.
Und auch dort verstand und sprach man Englisch!
Am liebsten hätte Nathan jetzt einen Freudentanz
aufgeführt, wäre ihm nicht bewusst geworden,
wie absurd und kindisch das ganze war. Ein Grinsen
konnte er sich allerdings nicht verkneifen.
Dann gestaltete sich die Sache etwas schwieriger,
die Informationen die er haben wollte, galten als
vertraulich und durften nicht herausgegeben werden.
Selbst als Nathan sagte er wäre von der Polizei,
erreichte er nichts. Nach endlosen Diskussionen
erhielt er dennoch eine Telefonnummer und eine weitere
Adresse. Es schien als sollte er doch ab und zu
die Kirche besuchen. Er bedankte sich und legte
auf. Den Rest würde er jetzt mit seinem Chef
klären müssen. Es musste einfach klappen!
Er überlegte ob er nicht schon ein Flugticket
kaufen sollte, doch dann verwarf er die Idee wieder.
Er würde sich gedulden müssen, die Frage
war nur, ob Brian so lange durchhielt. Mittlerweile
traute er ihm durchaus zu, dass er sich etwas antun
würde. Die Überwachungskamera die in der
Zelle installiert war, beruhigte ihn nur wenig.
Fortsetzung folgt …
Die Urheberrechte liegen beim Autor.

