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I will find you, wherever you are… I swear!

Kim Christensen, 15 Jahre

Jetzt war es soweit, heute würde er abhauen, abhauen von dem Ort, der sein Leben zur Hölle gemacht hatte und immer noch tat. Verschwinden von dem, was für ihn gleichzeitig Zukunft, wie auch Vergangenheit bedeutete. Er würde aus dem Heim fliehen und niemand würde ihn aufhalten können. Er hatte diesen Plan schon so lange zurechtgelegt, überarbeitet und verfeinert, dass fast nichts mehr schief laufen konnte.

Er hatte seine wenigen Dinge die er besaß unter seinem Kopfkissen versteckt und wartete auf die schützende Dunkelheit. Eine halbe Stunde lag er schon im Bett, doch da Sommer war, würde es nicht so schnell dunkel werden. Er würde noch bis um halb zwölf wach bleiben und sich dann irgendwie rausschleichen.

Die Zeit verstrich unendlich langsam, er vertrieb sie sich damit Musik zu hören, oder an seine kleine Schwester Samantha zu denken, die in eine Familie integriert worden war. Dann war es soweit, seine Digitaluhr zeigte halb zwölf an. Verstohlen sah er sich noch mal um und holte dann seinen Rucksack unter dem Bett hervor. Darein stopfte er alle seine Sachen und stand dann auf. Er wusste, dass die Eingangstüre verschlossen war und die Fenster ebenfalls abgeschlossen waren, damit keiner auf dumme Gedanken kam.

Fast wie ein Gefängnis. Sein Plan war es, das Fenster zu zerschlagen, was allerdings zur Folge hatte, dass dann alle aufwachen würden und die Alarmanlage angehen würde. Doch dann würde er schnell zu dem Zaun rennen und hinüberklettern. Dann würde die Freiheit auf ihn warten. Er musste das Fenster mit dem ersten Tritt zerbrechen, sonst würde alles fehlschlagen, doch er vertraute auf sein Glück.

Mit aller Kraft trat er zu und ein laut schepperndes Geräusch durchbrach die Stille. Noch bevor die anderen Jungen ganz wach waren, war Brian schon aus dem Fenster gesprungen und huschte geduckt über den Rasen. Er wich Hindernissen aus und hielt sich die ganze Zeit im Schatten - kein großes Problem, es waren Schatten und dunkle Stellen überall auf dem Gelände verteilt. Hinter sich wurden Stimmen laut, er hörte seinen Namen, erst leise, dann lauter. Mittlerweile konnte er den Zaun vor sich erkennen. Er zog seinen Pulli rasch aus und kletterte nach oben. Den Pulli warf er über die Spitzen des Stacheldrahts, damit sie ihn nicht allzu sehr verletzten. Unbeschadet landete er auf der anderen Seite und riss seinen Pullover herunter, er würde ihn noch brauchen. Dann rannte er, so schnell er konnte.

Er musste diese Nacht weit kommen, um nicht von der Polizei geschnappt zu werden. Sie würden vermutlich erst die nähere Umgebung absuchen. In Gedanken rechnete er sich die Zeit aus, die es dauern würde. Zwanzig Minuten bis sie feststellten, dass wirklich ER weg war, fünf Minuten bis dann die Polizei verständigt war, zehn bis fünfzehn Minuten bis sie auch wirklich da waren. Zwanzig Minuten, um die Polizisten noch einmal zu informieren und dann erst ginge die Jagd los. Im besten Falle hatte er eine Stunde Zeit und das war verdammt knapp. Die Bahnen fuhren noch, er würde schwarzfahren. Also hastete er zur U-Bahn, noch waren sie schließlich sicher. Er wartete fünf Minuten ungeduldig auf eine Bahn und stieg dann ein.

Sie war fast leer und zu seinem Glück war kein Kontrolleur zu sehen. Er ließ sich auf einen der Sitze fallen und durchdachte alles noch einmal. Wenn er Glück hatte, würde er Samantha ausfindig machen können, wenn nicht ... was war dann? Das würde er spontan entscheiden. Zuerst einmal würde er Essen besorgen müssen. Er hatte nur fünf Euro, also würde er vorerst etwas stehlen. Die Frage war, ob er etwas aus einem Supermarkt stahl oder einen Kiosk ausrauben sollte. So oder so, würde er sich strafbar machen müssen und außerdem spielte das jetzt eh keine Rolle mehr.

Er entschied sich für den Kiosk und Geld? Geld konnte er im Notfall auch klauen. Brian seufzte leise und ließ sich tiefer in den Sitz sinken. Er begann sich zu entspannen. Wenn er es jetzt bis zum Hauptbahnhof schaffte, würde er vermutlich noch einen sicheren Zug erwischen, später wäre die Gefahr durch die Polizei zu groß. Er sah auf seine Uhr. Verdammt! Schon zwanzig Minuten waren verstrichen, er musste sich beeilen. "Düsseldorf Hauptbahnhof, Endstation", drang es aus den Lautsprechern. Erleichtert stand Brian auf als die Bahn hielt und hastete die Stufen nach oben.

Er wollte irgendwie nach England, in sein Heimatland kommen, also würde er zuerst nach Holland fahren und von dort aus nach Belgien, Frankreich, dann nach England rüber. Wie, darüber machte er sich keine Gedanken. Er erreichte die Plattform und sah sich nach einem Fahrplan um. Er hatte Glück, ein Zug nach Antwerpen würde in zehn Minuten abfahren. Es würde knapp werden mit seiner Zeitberechnung aber es könnte reichen. Nach zehn Minuten Warten fuhr der Zug ein. Brian sah sich zuerst nach irgendwelchen Schaffnern um, konnte allerdings niemanden erkennen. Dann ging es los. Jetzt hatte seine Flucht richtig begonnen.

Er atmete einmal tief durch und beschloss zu versuchen sich auszuruhen. In Holland würde er eine Nacht schlafen und dann weiterfahren, viel Zeit hatte er nicht. Die Zeit verstrich und mittlerweile war die eine Stunde Zeit, die er ausgerechnet hatte längst um. Die richtig große Suchaktion würde aber vermutlich erst morgen oder übermorgen starten. Bis dahin wollte er mindestens in Frankreich, wenn nicht sogar schon in England sein.

Brian hatte schon wieder Glück an diesem Tag, so langsam wurde es ihm unheimlich, denn niemand kontrollierte ihn. Unbeschadet und erleichtert kam er in Antwerpen an und konnte sein Glück kaum fassen. Er streifte ein wenig durch die Stadt um sich ein Bild zu machen und suchte sich dann in einer Seitenstraße einen guten Platz zum schlafen. Mittlerweile war es halb fünf und Brian todmüde. Er schlief sofort ein und erwachte um zehn Uhr, da er sich den Wecker an seiner Uhr gestellt hatte. Er stand auf, packte seine Sachen und stellte fest, dass die Stadt schon ziemlich belebt war. Er war auf der Suche nach dem Bahnhof und fand schließlich ein Schild. Dann er sich den Weg zu einem kleinen, etwas abgelegenen Kiosk, verbarg mit einem Schal Mund und Nase, sodass nur noch seine Augen zu sehen waren und startete seinen Versuch. Er konnte nur hoffen, dass der Mann Englisch verstand.

Er trat auf ihn zu, riss sein Taschenmesser aus der Tasche und schrie er solle ihm etwas zu essen und hundert Euro geben. Panisch wühlte der Mann in einer Kasse, schob einen hundert Euro Schein rüber und mehrere Brötchen und Riegel. Brian grinste hinter seinem Tuch, packte die Sachen und rannte so schnell er konnte davon. Unterwegs riss er sich das Tuch vom Gesicht. Dann suchte er sich einen Weg zur nächsten Bahnstation Richtung Bahnhof. In Antwerpen war er nicht mehr sicher.

Er fuhr wieder schwarz, verhielt sich wie ein ehrlicher Bürger und kaufte ein Ticket nach Lille, von wo aus er nach England fahren konnte. Von seinen hundert Euro blieben zwei übrig, doch immerhin hatte er ein Ticket. Er musste wieder rennen, da sein Zug bald abfuhr. Haarscharf erwischte er ihn noch und ließ sich in einen Sitz fallen. Dann packte er erst einmal ein Brötchen aus und nahm seine erste Mahlzeit in Freiheit ein. Danach versuchte er zu schlafen, doch er konnte seine Aufregung nicht unterdrücken. Hier wurde er jetzt wegen Diebstahls gesucht und in Deutschland wurde auch nach ihm gefahndet. Die Situation spitzte sich zu.

Wenn Brian diesmal schwarzgefahren wäre, wäre es nicht sehr glimpflich verlaufen; ein Kontrolleur betrat den Zug. Obwohl er ein Ticket hatte, klopfte Brians Herz unerträglich. Was war, wenn man schon hier nach ihm suchte? Er wollte sich darüber keine Gedanken machen, doch er sah sich unauffällig schon mal nach einem Fluchtweg um. Doch alles verlief reibungslos, der Kontrolleur warf einen kurzen Blick auf das Ticket und ging dann weiter. Fast hätte Brian geseufzt. Er würde sich wohl noch an das Leben eines Flüchtlings (irgendetwas in ihm sträubte sich gegen dieses Wort) gewöhnen müssen. Endlich beruhigt schloss er seine Augen und schlief ein.

Sanftes Licht umgab ihn, es war angenehm wärmend. Vor ihm standen sein Vater
und seine Mutter, sie lächelten ihn an. Es war das erste Mal, dass er sie "wieder sah", denn seit dem Autounfall damals, wo sie ums Leben gekommen waren, hatte er sie nicht mehr "gesehen". Das Bild änderte sich, der Hintergrund wurde düster, dunkler und dunkler. Das Licht war nicht mehr angenehm warm, sondern wurde nun kühl, fast kalt. Die Augen seiner Eltern wirkten leer und hohl. Seine Mutter begann plötzlich zu schreien, der Vater schrie ihn an: "Was hast du getan Brian? Du solltest auf deine Schwester aufpassen! Du hast uns enttäuscht!" Die Gesichter der beiden wurden bis ins Unkenntliche verzerrt, schienen zu zerfließen und sich wieder zu einem ganzen zu formen, bevor sie sich erneut dehnten. Eine wabernde Hand streckte sich nach seiner Schulter aus, rüttelte ihn und plötzlich öffnete er die Augen.

Ein besorgtes Gesicht, das zu einer alten Dame gehörte, sah ihn an. Sie sprach ihn auf Deutsch an, sie war also nicht holländisch. " Alles in Ordnung, Junge? Hast du schlecht geträumt?" Brian musste erst richtig wieder in die Wirklichkeit zurückfinden, dann nickte er: "Ja, aber es ist alles in Ordnung, danke." Er versuchte ein Gespräch zu beginnen: "Wissen Sie, ob wir bald da sind?" während er mit ihr sprach sah er sich suchend nach irgendwelchen Polizeibeamten oder ähnlichem um; er konnte niemanden entdecken. Die Dame nickte: "So in etwa vier Stunden sind wir in Lille. Wo möchtest du denn hin? Nach Lille, oder noch weiter?" "Nach England. Aber ich muss zuerst noch irgendwo so schnell wie möglich ein Ticket kaufen." "Und fährst du alleine?", wollte sie wissen. "Ja, ich ...ähm ... ich besuche eine Tante, die da lebt." Das war geschafft, bloß nicht verplappern! Sie unterhielten sich noch eine ganze Weile, Brian war die Frau sympathisch, sie erzählte viel, er konnte sich zurücklehnen und sich, wenn auch nur für kurze Zeit, in ein anderes Leben ohne Angst träumen.

Ein Lächeln umspielte den Mund der Frau als sie Brians entspanntes Gesicht sah, vorher hatte er so ausgesehen wie ein verschrecktes Tier. Er wirkte schon so unglaublich reif, sie wusste zwar nicht wie alt er war, doch älter als achtzehn war er bestimmt nicht. Die Frage wie alt er sei kam für Brian unerwartet. "15. Aber gerade erst geworden."

Sie musterte ihn genauer, die braunen, etwa kinnlangen Haare rahmten sein Gesicht schön ein, die dunkelbraunen, fast schwarzen Augen wirkten so tiefgründig und undurchschaubar, doch sein Gesicht war von einer seltsamen Trauer gezeichnet, die sich in dem leicht bitteren Zug um seine Mundwinkel abzeichnete. Ansonsten hatte er einen sehr wohlgeformten, schmalen Mund. Die Unterlippe war ein bisschen größer als die Oberlippe und beim Lachen bildeten sch leichte Grübchen. Ihr fiel auf, dass sein Gesicht einen sehr edlen Zug hatte, fast königlich wirkte. Doch irgendetwas lastete ihm auf der Seele, dass konnte sie sehen, nein, sie konnte es spüren. Jetzt kramte er in seinem zerfledderten, alten Rucksack und beförderte ein paar Schokoriegel zu Tage.

Der Riegel tat gut; er hatte Hunger gehabt, großen Hunger und der war nun fürs erste befriedigt. Okay, Schokoriegel waren vermutlich nicht das, was sich der Durchschnittsmensch unter einer Mahlzeit vorstellte, doch immerhin waren sie lecker und sättigten etwas. Sie waren fast über die Grenze, als der Zug hielt, mitten auf der Strecke. Sofort beschlich Brian ein ungutes Gefühl. Das wurde noch verstärkt, als sich im vorderen Teil eine Tür öffnete und zwei niederländische und zwei deutsche Polizisten eintraten. Brians Herz begann zu klopfen, ganz deutlich verstand er, dass sie einen Jungen suchten, der aus dem Heim entflohen war. Dann zeigten sie ein Bild von ihm. Er musste handeln! Nur wie? Es war nur eine Tür offen und die wurde von einem Polizisten versperrt. Die Dame ihm gegenüber bemerkte sein Verhalten und er konnte sehen, dass sie verstand.

Seine Angst steigerte sich fast zur Panik. In ein paar Minuten würden sie ihn erreicht haben und so würde er nie bis nach Lille kommen; aber wollte er sich denn schnappen lassen? Nein! Definitiv nicht! Die Toilette! Eine Chance war es, doch dann wurde ihm klar, dass sie damit wohl rechnen würden. Es blieb nur eins, raus aus dem Zug und zwar schnell. Zur Tür, an drei Polizisten vorbei, das war nicht zu schaffen. Das Einzige was möglich war, war durchs Fenster abzuhauen, doch dann wären sie hinter ihm, dicht hinter ihm. Er entschied sich dennoch dafür. "Vielen Dank für Ihre Gesellschaft." "Warte, Junge! Hier! Pass auf dich auf!" Er schloss die Hand um das Geld und ein Lächeln zog sich über sein Gesicht, die Dame lächelte ebenfalls. "Danke!" und dann zerschlug er mit dem "Hammer-für-den-Notfall" das Fenster. Er konnte den Ruf des Polizisten hören, als er zu seinem Kollegen brüllte: "Da! Da vorne ist er!" Er sprang durch die Scherben hindurch und riss sich den Oberarm längs auf. Schmerzen durchzogen seinen Körper, doch dann war er draußen und rannte, rannte als wäre der Teufel hinter ihm her.

6 Jahre später: (Düsseldorf)

"Samantha! Aufstehen, es ist halb sieben!" Ein zerwuschelter Kopf schob sich müde unter der Bettdecke hervor, die Augen blinzelten kurz "Mach das Licht aus!", grummelte das Etwas, rollte sich zu Seite und zog die Bettdecke wieder über den Kopf. Die Folge davon war, dass es geschüttelt wurde, erst sanft, dann fester. "Sam steh auf!" "Nervensäge!"

Samantha, genannt Sam, schälte sich aus dem Bett, schubste ihren Adoptivbruder von sich und schlüpfte in ihre Hausschuhe. Ein grinsender Nikolas stand vor ihr. Sie trat ihm vors Schienbein. `Du bist fies´ - murmelnd verzog er sich aus ihrem Zimmer. "Wer ist hier fies?!", schrie das Mädchen ihm hinterher; sie war ein ausgesprochener Morgenmuffel. Sie zog sich schnell an, kämmte sich kurz die Haare und rannte dann die Treppe runter in die Küche. Nick stand, irgendeinen Takt trommelnd, vor der gurgelnden Kaffeemaschine. Sam warf ihm noch einen bitterbösen Blick zu und machte sich dann an der Kakaodose zu schaffen. Sie hasste Kaffee und sie hasste dieses Geräusch, welches die Maschine machte. "Mach schon, du Scheißteil!" Nicks Laune schien mittlerweile auf dasselbe niedrige Level abgesunken zu sein, wie das von Samantha. Die hatte ihren Kakao gerade aus der Mikrowelle geholt und setzte sich nun mit einem schadenfrohen Grinsen
hin und begann demonstrativ zu trinken."Dirk ist schon weg, vor ´ner halben Stunde gefahren." "So früh schon?" Samantha sah ihren Bruder fragend an. "Ja, er hat irgendeinen Termin, keine Ahnung. Und wer alles noch im Bett liegt kannst du dir ja sicherlich denken." "Marion?!" Nikolas hob nur die Augenbrauen.

Marion, Samanthas Adoptivmutter war arbeitslos (was allerdings kein Problem machte, der Vater besaß eine gut laufende Firma, was für den finanziellen Wohlstand der Familie sorgte) und lag bis um neun Uhr (mindestens) im Bett, die Arbeit im Haus erledigte Fay, die Haushälterin. Dann war da noch Alana, die 9 Monate alte Tochter von Dirk und Marion, die schließlich auch schlafen konnte. Sam und Nick gingen beide zur Schule, Sam mit ihren 14 Jahren in die 9.Klasse und Nick mit 17 in die 12.

Mittlerweile war auch Nicks Kaffee fertig und er setzte sich an den großen Küchentisch. Gemeinsam frühstückten sie, wie fast jeden Morgen."Und Kleines, was steht heute an?" "Mathearbeit, ich glaub ich bin krank!" Nick lachte "Wenn du gelernt hast, müsstest du auch nicht krank sein!" "Ich hab gelernt! Ich kann das!", protestierte die Jüngere. "Was kommt denn vor? Soll ich dir noch auf die Schnelle irgendwas erklären?" "Ist ja lieb gemeint, aber lass mal, das verwirrt mich dann vorher nur noch." "Wie du meinst." Nick seufzte.
20 Minuten später verließ Sam das Haus und fuhr mit dem Fahrrad zur Schule. Erste Stunde: Deutsch. Sie sollten einen Brief an jemanden verfassen. Eine
Person ihrer Wahl.

Lieber Brian,
dieser Brief mag dir sinnlos erscheinen, ich kenne weder deine Adresse, noch weiß ich sonst etwas über dich. Ich habe dich als den 14-Jährigen Jungen in Erinnerung behalten, der mit mir versuchte das Leben erträglich zu machen. Heute fühle ich mich genauso wie damals, ich glaube dich im Stich gelassen zu haben, hätte da sein müssen für dich.
Mein Leben hätte ab meiner Vermittlung besser nicht laufen können, ich habe eine wundervolle Familie, die ich über alles liebe und ein geregeltes Leben, welches mir viel Freude bereitet. Und dennoch kreisen meine Gedanken so häufig um dich und immer wieder stelle ich mir dieselben Fragen: Was ist aus dir geworden? Wie siehst du aus? Wie verläuft dein Leben? Warum meldest du dich nicht? Hast du mich vergessen?
Du bist eine schmerzhafte Lücke in meinem Leben, es ist, als fehle nicht nur ein Teil meines Lebens, sondern auch ein Teil von mir selbst. Du bist der Einzige, der von meiner Familie wirklich blieb. An Mama und Papa kann ich mich nicht mehr erinnern, du warst für mich Mutter, Vater und Bruder. An dir konnte ich mich festhalten, wenn ich das Gefühl hatte zu stürzen, du hast mich beschützt, du warst für mich da.
Meine Zeit läuft vor mir fort und ich frage mich ob es eine Chance gibt dich wieder zu sehen. Ich frage mich, ob du dich verändert hast, nicht nur äußerlich. Ich bin ehrlich, wenn ich sage, dass ich mir schreckliche Sorgen mache, Sorgen, dass du mit deinem Leben nicht mehr klargekommen bist, Sorgen, dass du in Schwierigkeiten steckst. Ich wäre so gerne bei dir, in deinem Herzen.
Ich erinnere mich oft an die Geschichten von Mama und Papa die du mir erzählt hast, an die Fotos die du mir gezeigt hast. Ich lebe mein Leben in der Vergangenheit, denn die Vergangenheit bist du und die Gegenwart und die Zukunft sind leer. Brian, ich vermisse dich! Mehr als du dir vorstellen kannst. Ja, dein "kleines Prinzesschen" ist erwachsener geworden. Ich hoffe, dass du dich irgendwann meldest. Und denk daran, du bist in meinem Herzen und ich hoffe, ich bin es auch.

Sie schrieb all dies einfach von der Seele, alles was sie ihm hatte sagen wollen, was ihr viel bedeutete und sie schon lange quälte. Das Resultat war allerdings, dass sie seelisch ziemlich fertig war und während der Mathearbeit ohnmächtig wurde und vom Stuhl kippte. Den Rest der Schulzeit verbrachte sie im Sanitätsraum, wo sich eine aufgeregte Schulkrankenschwester um sie kümmerte bis sie abgeholt wurde. Marion holte sie ab und brachte sie nach Hause, wo sie Sam ins Bett verfrachtete. Dort musste sie den Rest des Tages bleiben. Nick saß lange bei ihr und lernte mit ihr für die Mathearbeit die sie schließlich nachschreiben müssen würde. Am Abend kam Dirk mit Marion ins Zimmer. Sie setzten sich zu ihr ans Bett.

"Samantha, wir müssen mit dir reden. Deine Deutschlehrerin hat gerade angerufen. Es geht um den Brief den ihr verfassen musstet. Sie meinte, du schienst sehr verzweifelt und dass du vielleicht Hilfe benötigst." Sam runzelte die Stirn: "Was heißt das genauer?" Marion seufzte leise: "Sie meinte wir sollten ärztlichen Rat einholen, da du vermutlich mit der Situation alleine nicht klarkommst." "Sie hat mich für psychisch labil abgestempelt und jetzt soll ich zum Irrenarzt?! Niemals!" "Du siehst das falsch Sam; der Arzt könnte dir vermutlich helfen. Überleg doch mal, du bist heute während der Mathearbeit zusammengebrochen. So kann das nicht weiter gehen."

"Ach ja? Hat einer von euch eine Ahnung wie es ist, sich nicht an seine Eltern erinnern zu können und einen Bruder zu haben, der irgendwo da draußen steckt und von dem man seit sieben Jahren kein Lebenszeichen gehört hat?!" "Samantha, wir können uns denken, wie du dich fühlst, aber dennoch würde es dir helfen. Wir werden morgen hinfahren." "Ihr könnte euch überhaupt nichts denken! Ihr habt keine Ahnung wie ich mich fühle! Das hattet ihr noch nie! Ich werde nicht mitkommen!", begehrte Sam auf.

Schließlich sagte auch Dirk etwas: "Samantha, wir sind deine Eltern und du
tust was wir dir sagen!" "Ihr seid überhaupt nicht meine Eltern, wart es nie und werdet es nie sein! Meine Eltern sind tot!"
Sie brach in Tränen aus und dreht ihren Kopf weg. In diesem Augenblick hörte sie die Tür aufgehen. "Was ist denn hier los?", fragte Nick verwirrt. Marion und Dirk standen beide wie auf Kommando wortlos auf und verließen den Raum. Nick sah ihnen kopfschüttelnd nach.

"Was ist passiert?", fragte er. "Sie wollen mich zum Seelenklempner schicken! Ich werde nicht gehen, ich bin nicht verrückt und auch nicht geistig verwirrt und ich brauche definitiv keine ärztliche Hilfe!", regte Samantha sich auf.
"Sie wollen WAS?! Wie kommen sie denn darauf?", Nick sah das Mädchen
entgeistert an.
"Wir... wir mussten in Deutsch einen Brief schreiben, ich hab einen an Brian geschrieben und jetzt hat meine Deutschlehrerin hier angerufen und gesagt ich bräuchte Hilfe."
Nick setzte sich zu ihr und drückte ihren Kopf an seine Brust. Sanft streichelte seine Hand über ihre Haare. "Shht Kleines! Wir kriegen das hin, okay?"
Sam drückte sich an ihn, fühlte sich geborgen und für einen Augenblick erinnerte Nick sie an Brian. Sie schluchzte leise. "Wie wär's wenn du morgen erst einmal mitgehst und so tust als wärst du einverstanden. Probier's erst einmal aus. Vielleicht ist es ja gar nicht so schlecht, hm?", murmelte er in ihre Haare. Ein Seufzen drang von unten zu ihm herauf: "Meinst du wirklich?" "Hm...!" Erneutes Seufzen, dann ein resigniertes "Na gut... aber du kommst mit, ja?"

Nick schob sie ein Stück von sich weg und sah ihr in die tiefbraunen Augen. "Wenn du das möchtest komme ich selbstverständlich mit. Ich pass auf dich auf, Kleines." Sie umarmte ihn und drückte sich wieder an ihn. In diesem Augenblick brauchte sie menschliche Nähe mehr als je zuvor.

Am nächsten Tag fuhr Marion mit Nick ihr und der kleinen Alana zu dem Arzt. Sam war äußerst ungesprächig und hatte sich fest vorgenommen es dem Arzt so schwer wie möglich zu machen. Als Sam durch die Tür die Praxis betrat verschlechterte sich ihre Laune noch mehr. Alles war freundlich (für ihren Geschmack zu freundlich) eingerichtet und vermittelte mehr den Eindruck eines modernen Büros statt einer Praxis. Die überfreundliche Dame mit dem aufgesetzten Lächeln an der mit Blumen voll gestellten Rezeption war Samantha von Anfang an total unsympathisch. Nach einer kurzen Wartezeit die sie sich damit vertrieb leise mit Nick über die schreckliche Frau von der Rezeption zu lästern, betrat der Arzt das Wartezimmer und bat Sam in sein "Büro" wie er es nannte. Sam bezeichnete es in Gedanken als Folterkammer noch bevor sie es sah. Sie warf Nick einen letzten verzweifelten Blick zu und folgte dem Arzt.

"Und, wo ist die Couch?" fragte Sam provokant, als sie die "Folterkammer"
betraten."Die haben wir abgeschafft weil die Patienten immer eingeschlafen sind.", lachte der Mann. Er deutete auf einen einladenden Drehsessel der vor dem Schreibtisch stand, er selbst setzte sich auf ein gleiches Modell, Samantha
gegenüber.
"Mein Name ist Frank Hepbrunn, aber du darfst mich Frank nennen. Deine Adoptiveltern haben mich schon über alles aufgeklärt. Jetzt würde ich sehr gerne mehr über das Verhältnis erfahren, dass du zu deinem Bruder hattest.Sam schwieg. Es ging ihn nichts an, das alles ging ihn nichts an. Er war ein Fremder. Der Einzige der mehr über Brian wusste war Nick, dem sie blind vertraute.

"Wie ich sehe möchtest du nicht darüber reden. Sagst du mir den Grund?"
"Es geht Sie nichts an!"
"Du darfst mich duzen. Schau mal Sam, ich möchte dir helfen. Du scheinst deinen Bruder sehr zu vermissen."
"Wenn ich wenigstens wüsste dass es ihm gut geht.", murmelte Sam. Es war ganz leise gewesen, doch der Mann hatte es trotzdem gehört.
"Davon gehe ich aus. Bitte erzähl mir von ihm!"
Sam wusste nicht wieso sie es tat, aber plötzlich begannen die Worte nur so aus ihr herauszusprudeln. Sie erzählte, wie er ihr Schlaflieder vorgesungen hatte, ihr Geschichten erzählt hatte, sie sein "Prinzesschen" genannt hatte und ihr schon früh erzählte, dass sie irgendwann abhauen würden. Leider hatte er nicht damit gerechnet, dass Sam in eine Familie ohne ihn käme. So waren sie getrennt worden und für Sam war ein Teil ihres Lebens, ihrer Vergangenheit, ihrer Seele hinter ihr zurückgeblieben. Sie erzählte dem Mann wie sie nachts oft weinend in ihrem Bett lag, nicht schlafen konnte und wenn sie es dann doch endlich schaffte, nur Albträume hatte. Er schwieg die ganze Zeit und hörte aufmerksam zu. Schließlich empfahl er ihr ein Tagebuch zu führen und alle ihre Gedanken an Brian darin festzuhalten. Sie sollte ihren Eltern alles über Brian erzählen und akzeptieren, dass er fort wäre, auch wenn das vermutlich schwer sei. Bei diesen Worten begann Sam zu weinen, stumme Tränen liefen über ihre Wangen und fielen auf den Fußboden. Frank Hepbrunn ignorierte ihre Tränen und sagte: "Ich denke wir sollten jetzt auch deine Mutter hereinholen, dann können wir ihr das alles erklären, in Ordnung?" "Sie ist nicht meine Mutter!"

Der Arzt stand auf und öffnete die Tür, rief seiner Sekretärin etwas zu und blieb dort stehen. Sam ignorierte ihn. Sie weinte noch immer. Dann hörte sie Marion das Zimmer betreten und drehte sich um. Sie hatte gedacht, dass Nick mitgekommen wäre, doch das war er nicht.
"Wo ist Nick?"
"Im Wartezimmer, Schatz. Er passt auf Alana auf."
"Ich will, dass er auch kommt.", meinte Sam trotzig.
"Aber er muss doch ...", fing Marion, wurde aber von dem Arzt unterbrochen.
"Er soll ruhig auch kommen, meine Sekretärin wird auf ihre Tochter
aufpassen."
Also rief Marion auch Nick herein. Als er das Zimmer betrat und Sam sah,
eilte er sofort zu ihr. "Sam, was ist passiert? Du weinst ja? Hey, Kleines..." Er sah sie schockiert an, und kniete neben ihr. "Was haben sie mit ihr gemacht? Was haben sie ihr erzählt?", fuhr er den Arzt an. Wenn Blicke töten könnten, wäre der Arzt vermutlich zerstückelt aus dem Fenster hinter ihm gefallen.

"Nick! Wie benimmst du dich?" Marion sah ihren Sohn wütend an. "Dieser Mann
ist ein Arzt, er weiß was er tut! Er hilft deiner Schwester." "Glaubst du es hilft ihr, wenn sie noch einmal zusammenklappt?" Er hob Sams Kopf an und sah sie an. "Sam, wir gehen jetzt!" "Nikolas!" Marion stand wie versteinert, rührte sich nicht als Nick Samantha an ihr vorbeiführte, doch ihre Augen glühten. Jetzt schaltete sich auch der Arzt ein: "Nikolas! Hören Sie, ich möchte Ihrer Schwester helfen. Wir können doch über alles sprechen. Es hilft Ihrer Schwester. Vertrauen sie mir. Begehen Sie keinen Fehler zu Lasten Samanthas"

Nick beachtete ihn nicht, er hatte den Arm um die Schuler des stumm weinenden Mädchens gelegt und öffnete gerade die Tür. Als sie an die frische Luft traten drückte er sie an sich. "Du brauchst nicht mehr zu ihm zu gehen. Ich will nicht, dass er dich zum Weinen bringt." Sam schwieg. "Wir fahren mit der Straßenbahn nach Hause, okay?" Keine Reaktion. Nick umfasste ihre Hand und ging mit ihr zu der Straßenbahnstation auf der anderen Straßenseite.

"Er hat gesagt, ich müsste akzeptieren, dass Brian weg ist." Nick antwortete zuerst nicht, sah dann zu ihr herunter, legte die Hände auf ihre Wangen und sah sie fest an. "Er wird kommen." In seinen grünen Augen war keine Lüge.

(London)

"Verdammt Brian, mach schneller!" Brian warf im Rennen einen Blick über die Schulter und konnte die beiden berittenen Polizisten näher kommen sehen. Sie hielten ihre Pferde im scharfen Galopp und Silas und Brian hatten eigentlich so gut wie keine Chance. "Scheiße!" Brian erhöhte sein Tempo noch einmal. Mittlerweile keuchte auch er, seine Beine schmerzten und bei jedem Atemzug schien sich ein Messer in seine Brust zu bohren. Silas wurde langsamer und Brian überholte ihn.
"Fuck, Brian ich schaff's nicht. Lauf du weiter, ich kann nicht mehr!" Brian wandte ein zweites Mal den Kopf und sah, dass die Polizisten immer näher kamen. Silas und er würden es nicht schaffen.

"Hier!" Silas warf ihm das kleine Päckchen zu. "Nein, Silas das kann ich nicht!" Es fiel ihm schwer überhaupt noch Worte heraus zu bekommen. Doch es war zu spät. Silas war keuchend zusammengebrochen und Brian konnte nichts mehr für seinen alten Freund tun. Also tat er das Einzige was blieb, wenn er nicht auch im Knast landen wollte. Er versuchte sich und die Beute zu retten. Als er abermals über die Schulter zurücksah, konnte er sehen, dass der eine Reiter abgestiegen war und neben Silas kniete. Er schien ihm Handschellen anzulegen. Der zweite Polizist war immer noch hinter ihm und er kam auch immer noch näher. Brian wandte sich nach links und fand sich in einer schmalen Seitengasse wieder. Der Mann würde Probleme haben hier überhaupt reinzukommen. Doch er kam, Brian hörte das Donnern der Hufe hinter sich.

"Bleiben Sie stehen! Sie haben keine Chance!" Brian ignorierte ihn. Er erreichte das Ende der Gasse und wandte sich nach rechts. Das Problem war, dass die Straße die vor ihm lag voller Passanten war. Das konnte sich zu seinem Vor- allerdings auch zu seinem Nachteil entwickeln. Und das tat es auch. Während Brian sich durch die Menschenmassen schlängelte, wurde dem Polizisten großzügig Platz gemacht. Er holte langsam aber beständig auf. Brian bog plötzlich in eine weitere Seitengasse ab, schließlich hatte dieser Trick schon so oft funktioniert. Doch als er sich umwandte sah er, dass der Reiter ihn keineswegs aus den Augen verloren hatte. Im Gegenteil, er war wieder angaloppiert und kam bedrohlich nahe. Wieder fand er sich auf einer Straße wieder, doch diesmal hatte er Glück. Er konnte den Hyde Park sehen. Das war die Gelegenheit. Er legte noch einmal einen Zahn zu und bog in den Park ein. Nun würde er nur noch ein Versteck finden müssen.

Der Reiter war dicht hinter ihm. "Zwingen Sie mich nicht zu schießen!" Brian zeigte ihm das Teufelszeichen und rannte weiter. Er sprang erschrocken zur Seite, als sich plötzlich eine Kugel neben ihn in den Kies stanzte. Kurzerhand entschied er sich querfeldein zu laufen. Die Menschen an denen er vorüberraste sahen ihn von erstaunt bis erschreckt an. Brian hätte es vermutlich geschafft zu entkommen, denn mittlerweile nagte anscheinend auch das Pferd an seinen Kräftereserven. Doch dann tauchte plötzlich ein Streifenwagen auf, etwas womit er am allerwenigsten gerechnet hatte.

Die Polizisten sprangen heraus und richteten ihre Waffen auf ihn. Das Dumme
war, dass es keine Ausweichmöglichkeit gab. Hinter ihm walzte der Reiter wie eine lebende Lawine heran und vor ihm war eine unüberwindbare Barriere. Warum musste so eine Scheiße auch immer ihm passieren, es wäre zu schön gewesen. Als einer der Polizisten einen Warnschuss abgab (natürlich wandten sich nun auch die Köpfe der Passanten, die bis jetzt noch nicht aufmerksam geworden waren) verringerte Brian sein Tempo und blieb schließlich stehen. Es gab kein Entkommen mehr. Er wusste, dass diese Männer ihm wahrscheinlich ins Bein schießen würden, würde er seine Flucht fortsetzen. Außerdem drohten ihm ja "nur" 5 Jahre, vielleicht auch ein bisschen mehr.

"Hände hoch und keine Bewegung!" Er kannte dieses Kommando, hatte er diese Prozedur doch nun schon zweimal über sich ergehen lassen müssen. Mit etwas Verzögerung hob Brian die Arme und tat etwas, was Polizisten dem Anschein nach am meisten ärgerte: er grinste. Das verging ihm allerdings, als einer der Männer auf ihn zu trat und ihm mit einem heftigen Ruck den Arm auf den Rücken drehte. Der zweite folgte sogleich. Mittlerweile waren zwei weitere Polizisten hinter ihn getreten. Sie schienen ihn für seeeehr gefährlich einzustufen.

"Runter!" Bevor Brian überhaupt reagieren konnte, wurde er auf den Boden gedrückt und ihm Handschellen angelegt. Er war etwas verwundert, so einen Aufstand hatten die Polizisten noch nie gemacht. Bis jetzt war alles immer schnell und glatt gelaufen. Aber dieses Mal ...

Während einer meinte ihn mit einem Knie weiter zu Boden zu drücken (Brian wäre so oder so nicht aufgestanden) untersuchte ihn ein andere auf Waffen. Er griff in seine Jackentasche und beförderte das Päckchen zu Tage. Als er ihn weiter abtastete kamen noch eine Pistole und ein Messer ans Licht. "Fuck!" "Ja was haben wir denn da? Da sind ja die beiden Smaragde. Kaum zu glauben, dass sie zusammen einen Wert von über 5000 Pfund haben." Während Brian grob wieder hoch gezerrt wurde flüsterte ihm der Polizist, anscheinend der Reiter, ihm ins Ohr: "Du warst schnell mein Freund, aber nicht schnell genug." Er lachte höhnisch.

Brian hätte ihm am liebsten ins Gesicht geschlagen, nur leider hinderten ihn die Handschellen daran. Er wurde zum wagen geführt und hineingedrückt. Brian wehrte sich natürlich, allerdings nur aus reinem Trotz. Ein Beamter nahm neben ihm Platz, dann fuhren sie los. Brian hasste es in Handschellen auf einem Sitz zu sitzen. Seine Arme taten höllisch weh als die Fahrt zu Ende war und sie vor dem großen Polizeikomplex hielten.
Als sie ihn nach drinnen führten wurde er zunächst in eine kleine Zelle verfrachtet, dort verbrachte er einige Zeit. Brian kam es vor wie Jahre. Er beschäftigte sich damit in dem höchstens 8m² großen Raum auf und ab zu gehen. Alles was sich hier drinnen befand waren eine Toilette, ein Waschbecken und eine schmale, unbequem aussehende Pritsche. Oben an der Wand war ein winziges, vergittertes Fenster. Fluchmöglichkeit = 0. Wenigstens konnte er seine Arme wieder bewegen, immerhin etwas. Warum zum Teufel musste auch ausgerechnet ER immer so viel Pech haben. Okay, er hätte sich nicht mit BlackSoul, sein Auftraggeber, der außergewöhnliche Namen bevorzugte, einlassen sollen, aber irgendwoher brauchte er ja Geld und eine Unterkunft. Er hoffte er würde bald hier raus kommen.

Er hörte das Schloss der dicken Stahltür knarren und schließlich öffnete sich die Tür. Zwei Polizeibeamte traten herein, legten ihm kommentarlos Handschellen an - Brian hatte es aufgegeben sich zu wehren, es wäre so oder so sinnlos gewesen - und führten ihn aus der Zelle, einige Etagen nach oben und in ein kleines Vernehmungszimmer. Der junge Mann der auf der anderen Seite an der Wand gelehnt stand sah ihn kopfschüttelnd an. "Brian, so sieht man sich wieder." "Hallo Nathan ...", murmelte Brian, während er auf den Stuhl gedrückt wurde. Die Beamten bequemten sich natürlich NICHT ihm die Handschellen abzunehmen, aber Brian hatte es auch gar nicht anders erwartet. Nathan machte eine Handbewegung und die Polizisten verließen den Raum. Sie waren alleine.

"Hast du keine Angst, dass ich dich anfallen könnte?" fragte Brian provozierend. "Das würdest du nicht tun." "Es wäre mir ein Leichtes." Etwas in Nathans Stimme veränderte sich: "Wenn du irgendetwas Unüberlegtes tust, mein Freund, dann erschieße ich dich. Das verspreche ich dir." Brian runzelte die Stirn, er kannte Nathan schon eine ganze Weile und in gewisser Weise hatte sich so etwas wie eine Freundschaft entwickelt, falls man es so nennen konnte. Nathan arbeitete schließlich bei der Polizei, Brians größtem Feind. Aber er kümmerte sich auch um Brian, er war sozusagen dafür verantwortlich, dass Brian nicht wieder "vom Weg" (wie er es nannte) abkam. Doch bis jetzt waren alle seine Bemühungen ohne Erfolg geblieben. "Ist irgendetwas passiert?" "Das fragst du noch? Ich hätte dir so etwas nie zugetraut, Brian. Ich habe dich trotz deiner kriminellen Aktionen für eine guten Menschen gehalten und ich habe dir verdammt noch mal ziemlich oft aus der Scheiße geholfen. Und das ist dein Dank?"

Brian war irritiert, das Nathan sich so über eine relativ "kleine" Aktion aufregte war ungewöhnlich. Er hatte schon ganz andere Sachen fabriziert. "Was regst du dich so auf? Du weißt, dass ich nicht einfach aussteigen kann. Er würde mich umbringen, wenn ich es täte, ich führe nur meine Aufträge aus und diese kleine Sache mit den Smaragden war doch völlig harmlos. Es wurde niemand verletzt."
Nathan schüttelte ungläubig den Kopf. "Du brauchst dich gar nicht dumm stellen. Ich weiß es und jeder andere hier weiß es auch. Nur keiner weiß warum. Warum Brian? Warum?" "Was denn? Kannst du mich endlich mal aufklären? Ich habe keine Ahnung, was du von mir willst."

Nathan drehte sich herum und sah Brian an. In seinen Augen blitzte es gefährlich auf. Unwillkürlich lehnte sich Brian ein Stück zurück. Und dann tat er etwas, was er wohl lieber nicht hätte tun sollen: Er zuckte mit den Schultern und sah Nathan verwirrt an. Im nächsten Moment war dieser plötzlich vor ihm und schlug ihm die Faust in den Magen, sodass Brian mit einem erstickten Keuchen auf seinem Stuhl
zusammensank. Nathan schlug noch einmal zu. "Nathan! Hör auf, verda..." Ein weiteres Mal schlug er zu. Brian stürzte seitlich von Stuhl und hob schützend die Arme.

Die Tür wurde aufgerissen und zwei Männer stürzten herein. Ein weiterer Mann, im Anzug, trat hinter ihnen ein. Die Beamten packten Nathan und zerrten ihn von Brian fort. Der sah mittlerweile alles leicht verschwommen und kämpfte mit der Ohnmacht. Er krümmte sich vor Schmerzen. Der Mann im Anzug griff unter seine Arme, riss ihn grob nach oben, sodass sich alles um Brian drehte und er einen taumelnden Schritt machte und schob ihn wieder auf den Stuhl, wo Brian in sich zusammensank. Ihm fehlte einfach die Kraft.
In einer Ecke brüllte Nathan unverständliche Worte auf Irisch und gebärdete sich wie wild. Brians Blick klärte sich langsam wieder, die Schmerzen sanken auf ein erträglicheres Maß herab. Brian war wie vor den Kopf gestoßen, er wusste wirklich nicht, was los war. Jetzt brüllte Nathan wieder auf Englisch: "Du hast sie umgebracht du Arschloch, du hast sie einfach umgebracht. Ich hasse dich! Ich hasse dich!" Brian starrte ihn entsetzt an. Wen hatte er umgebracht?

Sam träumte diese Nacht wieder von ihrem Bruder. Sie träumte er wäre in großen Schwierigkeiten. Außerdem litt er, das konnte sie spüren. Es war nicht so, dass sie Bilder sah, wie man es normalerweise tat, wenn man träumt, nein, sie spürte seine Empfindungen und Gefühle und hatte etwas Einblick in seine Gedanken. Doch diese machten ihr klar, dass er nicht mehr 14 war, sondern mit seinen mittlerweile 21 Jahren sehr erwachsen geworden war, wenn er es vorher nicht schon gewesen war. Doch es war nur ein Traum. Seltsamerweise war sich Samantha dessen sehr bewusst. Die ganze Zeit über war ihr klar, dass sie nur träumte und dennoch war es ein kleiner Schock zu träumen, dass es Brian nicht so gut ging, wie sie immer dachte und hoffte.

Sie wurde von einer Berührung wach, als sich ein Arm um sie legte. Keine Erinnerung an den letzten Tag. Wo war sie? Wie kam sie her? Und wer war das, der hinter ihr lag? Sie wandte den Kopf aber konnte noch nichts erkennen. Sam drehte sich leicht und konnte Nick erkennen, der schlafend da lag. Schlagartig kehrte die Erinnerung zurück. Sie waren mit der Straßenbahn unterwegs gewesen und Nick hatte gesagt er würde sie zu einem Kumpel aus seiner Band bringen, wo sie schlafen könne. Und dann wusste sie nur noch, dass sie aufgestanden war und dann war da nichts mehr.

Nick regte sich und zog seinen Arm zurück, dann öffnete er die Augen. "Hey", murmelte er noch ganz verschlafen. Seine Haare waren verwuschelt und standen in alle Richtungen. Seine Augen waren klein und sahen müde aus. Und dann dieser Zug, den er um den Mund hatte. Sam musste plötzlich lachen, er sah einfach zu süß aus. Der verwirrte Blick den er ihr zuwarf verstärkte ihren Lachanfall noch. "Guck...guck mal in den... in den Spie...Spie...gel!", brachte Samantha mühsam hervor. Leicht panisch richtete Nick sich auf und schaffte es irgendwie ohne zu stürzen zum Spiegel zu tapern und einen Blick hineinzuwerfen.

"Ahhhhhhhhhhhhhhhhhhhh! Wie seh' ich denn aus?!?!?!" Er wollte sich umdrehen und rausrennen doch Sam meinte plötzlich: "Bleib doch hier. Ich will mal wieder kuscheln." Also wandte Nick sich zögernd wieder um und tapste zum Bett zurück, legte sich neben Sam und zog sie an sich heran. Seine Arme schlangen sich um ihren Körper und sein warmer Atem strich sanft über ihren Nacken. Sam wurde ganz warm von innen und ein leichtes Kribbeln erfüllte sie. Ein Gefühl, dass sie
so noch nicht gekannt hatte, doch sie genoss es. Als Nick ihr einen sanften Kuss in den Nacken hauchte fühlte sie sich als hätte sie tausend kleiner Schmetterlinge in ihrem Bauch. Konnte es sein, dass sie... Nein! Das durfte sie nicht! Sie schüttelte die Gedanken von sich ab. "Sam?" "Hm, was ist Nick?" "Ich muss dir etwas sagen... ich..."

Die Tür öffnete sich und Johannes Nick's Bandkumpel trat ein. "Na was ist denn hier los? Schmusestunde? Darf ich auch mitmachen?" Kurzerhand flog ein Kissen in seine Richtung und traf ihn am Kopf. Blitzschnell verzog er sich hinter die Tür und rief von dort aus: "Ich wollte euch eigentlich nur sagen, dass das Frühstück fertig ist. Es gibt Croissants und Brötchen und Kaffee und Kakao sind auch fertig. Außerdem hab ich auch schon ne Zeitung besorgt. Na? Bin ich gut oder bin ich besser?" Ein weiteres Kissen flog in Johannes Richtung. "Okay, okay! Ich geh ja schon! Ich hab im Übrigen schon gefrühstückt. Ich wäre euch nur dankbar wenn ihr in etwa einer Stunde fertig seid, weil dann meine Eltern von ihrem Kurztrip wieder kommen und vermutlich nicht sehr froh darüber sind wenn du hier bist Nick." Jo's Eltern hassten Nick, da dieser dafür verantwortlich war, dass ihr Sohn die Schule abgebrochen hatte und sich jetzt nur noch auf seine Musik konzentrierte. Das war natürlich Schwachsinn, immerhin war Jo alleine für sich verantwortlich und nicht Nick.

Ein paar Minuten später bewegten sich also Nick und Sam zum Frühstück in die
kleine Küche. Nick wandte sich Brötchen-mampfend der Zeitung zu.
"Schmatz nicht so Nick!" "Ruhe auf den billigen Plätzen!" "Hey! Sei mal nett zu mir! Außerdem ist Zeitung lesen langweilig!" "Woher willst du das denn wissen, du has doch noch nie ..." Mitten im Satz brach Nick ab und seine Augen weiteten sich.
"Sam? Ich denke, das solltest du mal sehen!" Er starrte noch immer fassungslos auf die Zeitung. Und als Sam die Artikelüberschrift las, erstarrte sie auch. Heiß und kalt lief es ihr über den Rücken und sie konnte den Blick nicht von der Zeitung reißen.

Als Brian die Augen öffnete war es noch dunkel. Dennoch entschied er sich aufzustehen. Als er sich aufrichten wollte, durchzogen Schmerzen seinen
Bauch. Langsam gewöhnten sich seine Augen an die Dunkelheit und er konnte schemenhaft die Toilette und das Waschbecken, sowie hoch oben das Fenster sehen, durch das ein wenig Licht, der draußen stehen Straßenlaternen, fiel. Es tauchte die Zelle in ein unwirklich erscheinendes fahles Licht in dem alles irgendwie falsch wirkte. Er hielt seine linke Hand von sich, ließ sie ins Licht eintauchen und betrachtete den schmalen Ring der an seinem Ringfinger glänzt.

Er schien von innen heraus zu leuchten. Fasziniert betrachtete er wie sich das Licht an ihm brach. Und unwillkürlich dachte er an sie. Seine große Liebe. Die Liebe, die außerhalb dieser geschlossenen Mauern auf ihn wartete. Ein Seufzen entrann seiner trockenen Kehle. Auch dieser Laut hörte sich unwirklich und falsch an. Sein Hals war trocken und rau, doch er hatte keinen Durst, genauso wenig wie er Hunger hatte. Gefühle hatte er im Augenblick auch keine, außer vielleicht die Schmerzen die ihn noch immer quälten, aber das war auch schon alles und selbst sie waren nur noch ein Echo, ein Widerhall ihrer selbst; dumpf und unbedeutend.

Er empfand keine Wut auf sich oder Nathan, oder die Polizisten die ihn verhaftet hatten. Er empfand keine Trauer oder Bedauern, dass er in dieser Zelle saß. Hätten sie ihn jetzt rausgelassen, es wäre ihm egal gewesen. Vermutlich würde er draußen umkommen. Er wusste es fast mit tödlicher Sicherheit. BlackSoul würde es nicht dulden, dass er versagt hatte. Die Smaragde wären ein großes Geschäft für ihn gewesen und jetzt würde er als Lieferant einen Verlust machen. Und Brian und Silas waren Schuld. Also würde er sie töten. Sie hatten ein Spiel mit hohem Risiko gespielt und verloren, nun würden sie den Preis dafür bezahlen müssen. Die Gedanken die er hatte, durchflossen ihn mit erschütternder Klarheit und dennoch blieb er völlig emotions- und gefühllos.

Mittlerweile waren sie zu seiner Schwester gewandert. Er hatte sich geschworen sie zu finden. Bis jetzt hatte er seinen Schwur noch nicht gehalten. Und ein einziges Gefühl drang durch seine selbst errichtete Mauer. Schuld. Er empfand Schuld dafür, dass er Samantha alleine gelassen hatte, einsam und im Ungewissen. Doch mehr als Schuld war da nicht, was er fühlte. Vielleicht Kälte. Sie kam nicht von außen, nein, es war eine innere Kälte die von ihm Besitz ergriffen hatte.

Inzwischen war es draußen heller geworden. Brian zog seine Hand, die er immer noch betrachtet hatte aus dem nun intensiven Lichtstrahl heraus. Er legte sich wieder auf die Pritsche, den Blick nach oben gerichtete und dachte nichts. Er lag einfach da, gefühllose, sinnlos - zeitlos.
Die Tür öffnete sich quietschend und knarrend. Brian regte sich nicht. "Los! Steh auf!", bellte der Beamte. Brian rührte sich noch immer nicht. Er zuckte nicht einmal als die Stimme des Mannes laut und fordernd, sich an den Wänden brechend, ertönte. "Hörst du schlecht? Aufstehen hab ich gesagt!" Brian nahm den Mann gar nicht wahr, er hatte noch nicht einmal die Tür gehört.

Selbst als er gepackt wurde, hoch gezerrt, ihm wieder mal die Arme verdreht und Handschellen angelegt wurden, zeigte er keine Reaktion. Willenlos ließ er sich aus der Tür ziehen und die Treppen hoch schleifen. "Mach schneller!" Der Polizist versetzte ihm einen derben Stoß. Brian stürzte auf dem glatten Flur, blieb liegen. Er wurde hoch gerissen und wieder geschubst. "Stell dich nicht so an! Jetzt geh schon!" Brian setzte einen Fuß vor den anderen, den Blick starr geradeaus gerichtet. Schließlich saß er in Nathans Büro, immer noch in Handschellen. Mittlerweile waren seine Handgelenke ganz rot und aufgeschürft. Normalerweise würde es schmerzen, er spürte es nicht.

Nathan saß ihm gegenüber, sah ihn kalt an, berechnend; erwartete vermutlich eine Reaktion, eine Regung. Irgendetwas. Doch nichts geschah. Brian saß vor ihm, schien durch ihn durch zu sehen und zeigte keine Regung. Er blinzelte nicht einmal.

Obwohl er ihn hassen sollte, was Nathan sich krampfhaft einredete, sorgte er sich in diesem Augenblick fürchterlich um den jungen Mann, der einst sein Freund gewesen war. In einem solchen Zustand hatte er ihn noch nie gesehen. Brian war bis jetzt immer der Kämpfer gewesen, der niemals aufgab, egal wie chancenlos er war. "Brian?" Nichts.
Nathans Gedanken rasten. Selbst sein Zorn war verflogen. Er begann eine Nummer zu wählen, wartete ungeduldig auf das Freizeichen. Als sich die Stimme des Mannes, den er hatte erreichen wollen, meldete, sagte er in einem Befehlston, den er so nicht von sich kannte: "Bringt diesen Silas zu mir! Schnell!" Ungefähr drei Minuten später wurde ein stark protestierender Mann in sein Büro geführt. Nathan nickte kurz und die Beamten blieben hinter Silas stehen.

"Hey Brian! Dich haben sie also auch erwischt. So `ne Scheiße. Keiner hat mir gesagt was los ... Brian?" Nathan senkte resigniert den Kopf. Er hatte gehofft, dass Brian zumindest reagieren würde, wenn Silas da wäre, doch das war nicht geschehen. "Was is mit ihm?", wollte Silas jetzt wissen. "Ich weiß es nicht, ich hatte gehofft, du könntest es mir sagen, oder etwas bewirken." "Abgefahren.", murmelte der dunkelhäutige Straftäter. Seine braunen Augen blickten ratlos auf das, was er nach langer Zeit geglaubt hatte zu kennen, zu verstehen. In Nathans Blick war derselbe verzweifelte Ausdruck zu finden. Alles was er vor ungefähr 10 Stunden gesagt oder getan hatte war vergessen. Alles was er erlitten und erlebt hatte war vergessen. Sein eingebildeter Hass, sein Zorn, weg. Er wusste nur noch eines, dass er tun konnte. Nathan griff zum Telefon.

Wir rufen Sie an, wenn wir Näheres herausgefunden haben. Bis dahin müssen wir Sie bitten sich zu gedulden." Samantha nickte. Sie war nicht enttäuscht, nur fühlte sie sich so hilflos. Nick legte ihr die Hand auf die Schulter "Wird schon werden, Kleines." Sie rang sich ein Lächeln ab. Einerseits waren die Nachrichten ja zum Freuen, andererseits war die Aussage das, was sie erschütterte. Ihr Bruder ein Mörder? Das könnte er doch nicht. Außer wenn er in Notwehr gehandelt hätte. Doch laut diesem Artikel war es ein geplanter kaltblütiger Mord
gewesen. Schon der Titel:

Warum tötete er sie?
Kaltblütiger Mord an einer englischen Polizeibeamtin!

Sie hatte es zwar aufgenommen, aber noch nicht wirklich realisiert. Die Charakterzüge die in dem Artikel an ihm beschrieben wurden, kannte sie nicht. Oder hatte er sich verändert? Sie würde es hoffentlich bald erfahren. "Du solltest dich ablenken!", vernahm sie Nicks Stimme dich an ihrem Ohr. "Lass und irgendwohin fahren wo es schön ist." Sie nickte zustimmend. Etwas Ablenkung täte ihr sicher gut. Also entschlossen sie kurzerhand außerhalb der Stadt zu fahren und ein Picknick zu veranstalten. So etwas hatten sie beide das letzte Mal kurz nach Sams Adoption zusammen mit der Familie gemacht. Zuerst fuhren sie mit der Bahn zurück zu einem weiteren Freund von Nick, der eine eigene Wohnung hatte und packten ein paar Sachen ein, dann bestellte Nick ein Taxi und sie ließen sich mitten auf dem Land absetzen.

Um sie herum war nichts außer grünen sanften Hügeln, ein paar vereinzelten Bauernhöfen und Gehöfte. Es war wunderschön. Idyllisch, friedlich und lud geradezu dazu ein sich niederzulassen und sich zu entspannen. "Na dann wollen wir mal.", murmelte Sam und fing an die Sachen auszupacken. Ihr Adoptivbruder half ihr. Sam wollte gerade nach ihrem ersten Stück Brot greifen als Nick ihre Hand festhielt."Warte! Weißt du worauf ich jetzt Bock hätte?" Samantha zuckte hilflos die Schultern und sah ihn fragend an. Ohne großartige Vorwarnung stieß Nick sie von der Decke runter und ins Gras. "Hey!", schrie Sam überrascht auf. "Na warte, das kriegst du zurück!" Mit diesen Worten ließ sie sich gegen ihn fallen. Leider hatte sie nicht daran gedacht, dass es hinter Nick den Hügel herunterging. Mit einem überraschten Aufschrei krallte sie sich an ihm fest. Doch es war zu spät. Ineinander verschlungen kugelten sie lachend den Abhang runter. Unten angekommen blieben sie nebeneinander liegen. Sie konnten nicht mehr vor Lachen.

Sam packte einen Büschel Gras und warf ihn Nick ins Gesicht. Das verlangte Revanche und kurz darauf flogen die Grasbüschel nur so. Erschöpft ließen sie sich nebeneinander in das beachtlich hohe Gras sinken. "Mit Marion und Dirk hätten wir so etwas nie gemacht oder gedurft.", meinte Sam plötzlich. "Hm ..." "Weißt du, Nick. Ich glaube ich möchte gar nicht mehr zurück. Mir gefällt dieses Leben viel besser, es ist so ... frei und unbeschwert. Deine Eltern haben sich auch noch nicht gemeldet oder irgendwie auf die Suche gemacht nach uns. Willst du zurück?"

"Ich weiß es nicht. Unser Leben war doch eigentlich schön. Ich denke es war das Leben, was sich viele wünschen. Eine nette Familie, ein großes Haus, oder besser, eine Villa, Geld und alles was man so gerne hätte. Aber andererseits hast du Recht, es war ein eingeschränktes Leben. Wie das Leben eines eingesperrten Vogels. Nur wenn man ihn freilässt kann er fliegen und dann kehrt er vermutlich nicht wieder zurück. Denkst du, du kannst jetzt fliegen?" "Zumindest weiß ich, wie es sich anfühlt zu fliegen.", lächelte Sam. Sie rückte ein Stück näher an ihn heran. "Und ich denke du hilfst mir. Ich weiß nicht, was ich ohne dich machen
würde." Und dann war da plötzlich wieder dieses Gefühl in ihrem Bauch. Dieses Gefühl der vielen Schmetterlinge die ein wohliges Kribbeln und Prickeln
verursachten. Sie konnte Nicks Augen nicht entfliehen. Diese grünen Augen, die Seine Seele wiederzuspiegeln schienen. Und sie fühlte sich geborgen. Geborgen in seiner Nähe.

Sie ließ sich auf den Rücken fallen um seinen Augen zu entgehen, doch plötzlich war Nick über ihr. Er stützte seine Arme seitlich neben ihren Kopf. Ihre Gesichter waren sich nahe, sehr nahe. Eine Art greifbare Spannung lag in der Luft. Sie konnte seinen Augen wieder nicht entfliehen, also schloss sie die ihren einfach. Dann spürte sie seine Lippen auf den ihren, roch den angenehmen, leicht herben Duft seines Aftershaves, der ihn umgab und sie irgendwie anzog und auf einmal war es ihr ganz klar. Sie liebte Nick. Sie liebte ihn vom tiefsten Grund ihrer Seele und sie hatte es eigentlich schon die ganze Zeit gewusst.

Als er sie küsste hatte sie das Gefühl von innen zu explodieren, zu schweben und zu springen gleichzeitig. Sie konnte es nicht beschreiben, es war einfach atemberaubend und es war ihr erster Kuss. Dieser erste Kuss war voller Leidenschaft und Liebe, voller Wärme und Vertrautheit und er war wunderschön. Als sich ihre Lippen von einander lösten, öffnete sie die Augen und lächelte. "Ich liebe dich Sam.", es war alles was Nick sagte, diese paar Worte, doch sie bedeuteten die Erfüllung ihrer geheimsten Wünsche und Träume, die sie sogar vor sich selbst versteckt hatte. "Ich liebe dich auch Nick, mehr als du dir vorstellen kannst." Und nun lächelte auch Nick und sie versanken in einem weiteren
leidenschaftlichen Kuss.

Entnervt knallte Nathan den Hörer auf die Gabel. "Scheiße, Scheiße, Scheiße! Warum verdammt noch mal tu ich das eigentlich? Warum?!?!?!!?" Es musste wirklich schlimm um ihn stehen, immerhin führte er jetzt schon Selbstgespräche! Er wollte nicht mir Brian darüber sprechen, zumindest noch nicht. Aber es schien als könnte er ohne seine Hilfe auch nichts bewirken. Trotzdem verwarf er die Idee den jungen Mann um Hilfe zu bitten, er würde nicht mit ihm sprechen, vermutlich würde er ihn nicht einmal wahrnehmen. Selbst ein erfahrener Polizeipsychologe der sich seit mittlerweile zwei Tagen um Brian kümmerte war ratlos. Er hatte Fälle wie diesen erlebt, aber auch immer eine Antwort parat gehabt, doch hier war er hilflos. "Okay, ganz ruhig Nathan, noch einmal von vorne ..." Wenn ihn so einer seiner Kollegen entdeckt hätte, mit sich selbst redend, den Kopf aufgestützt, die
Augen geschlossen ... Vermutlich hätten sie ihn für verrückt gehalten (allerdings war er sich auch nicht mehr ganz sicher, was seinen psychischen Zustand betreffen musste). Was er tat schien schlicht und ergreifend sinnlos und trotzdem wollte, konnte er nicht aufgeben.

Über die englische Auskunft hatte er nichts erreicht, also würde er es einfach mit der deutschen probieren. Das Problem war, außer "Hallo", "Arschloch" und "Idiot" kannte Nathan kein deutsches Wort. Egal, Englisch war die Weltsprache und diese Menschen würden es bestimmt beherrschen. Nachdem er über Google eine Auskunft ausfindig gemacht hatte schickte er ein kurzes Stoßgebet zum Himmel (obwohl er ja eigentlich nicht gläubig war, aber man wusste ja nie) und wählte die Nummer. Nachdem sich die Frau am anderen Ende gemeldet hatte, ignorierte Nathan dass was sie gesagt hatte (vermutlich war es eh unwichtig) und fragte sie auf Englisch nach dem was er wissen wollte. Er hatte dreifaches Glück: Erstens, sie verstand Englisch und zweitens: Innerhalb kürzester Zeit konnte sie ihm die Nummer geben, die er brauchte. Er erhielt sogar die Adresse. Das dritte Glück war eigentlich einfach nur zeitsparend, er wurde direkt verbunden mit dem was er hatte haben wollen.

Und auch dort verstand und sprach man Englisch! Am liebsten hätte Nathan jetzt einen Freudentanz aufgeführt, wäre ihm nicht bewusst geworden, wie absurd und kindisch das ganze war. Ein Grinsen konnte er sich allerdings nicht verkneifen.

Dann gestaltete sich die Sache etwas schwieriger, die Informationen die er haben wollte, galten als vertraulich und durften nicht herausgegeben werden. Selbst als Nathan sagte er wäre von der Polizei, erreichte er nichts. Nach endlosen Diskussionen erhielt er dennoch eine Telefonnummer und eine weitere Adresse. Es schien als sollte er doch ab und zu die Kirche besuchen. Er bedankte sich und legte auf. Den Rest würde er jetzt mit seinem Chef klären müssen. Es musste einfach klappen! Er überlegte ob er nicht schon ein Flugticket kaufen sollte, doch dann verwarf er die Idee wieder. Er würde sich gedulden müssen, die Frage war nur, ob Brian so lange durchhielt. Mittlerweile traute er ihm durchaus zu, dass er sich etwas antun würde. Die Überwachungskamera die in der Zelle installiert war, beruhigte ihn nur wenig.

Fortsetzung folgt …

Die Urheberrechte liegen beim Autor.

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