Lese-Ecke
Babysitting ist wunderbar
von Anna Pfäffle, 15 Jahre
Hobbys: Leichtathletik, Lesen, schreiben, Musik hören, mit meinen Hunden draußen sein, mit Freunden treffen, unsere vielen Tiere ...
Es ist 18 Uhr 15. Noch 30 Minuten Zeit – dann muss ich los, bei unseren geliebten Nachbarn babysitten. Ich stehe vor dem Spiegel und kämme mir kurz das Haar. Mehr lohnt sich nun mal nicht, denn wenn mir seine beiden Engelskinder vor nicht enden wollender Empfangsfreude das Haar rupfen, kann man von meinem mühsam gepflegten Babysitterstyling sowieso nichts mehr erkennen.
Mit überschwänglicher Vorfreude schwinge ich mich auf mein erst kürzlich erworbenes Top-Flohmarktfahrrad. Vom fast geräuschlosen Quietschen des gut geölten Lenkers alarmiert, kommen mir der von mir scherzhaft getaufte Herzbubi und seine treffend benannte Schwester Herzmädi entgegen. Sie empfangen mich mit fröhlichen Hallorufen bereits in der Auffahrt. Wohlgemerkt stolz auf Vaters Bizepsthrönen sitzend.
Das demonstrative Begrüßungswegdrehen und freudige Fausthiebe in die Luft machen mir klar, dass ich hier jederzeit herzlich willkommen bin. Dazu ein schwaches Papilächeln und der Empfang ist gelungen. „Sie hatten heute einen sehr stressigen Tag!“, ruft mir die herbeigeeilte Mutti im schicken Kostüm auf dem Weg zur Garage zu. „Waren beim Arzt! Schaaatz, kommst du?!“ Rosige Aussichten! Mit einem freundlichen „das Geld liegt auf dem Tisch!“, stellt der Vater seine beiden Goldstücke auf dem Boden ab.
Liebevoll führen die beiden mich ins Haus und reißen mir dabei fast sämtliche Finger aus. Drinnen rasen sie sofort in ihr Spielzimmer und stellen das dort herrschende Chaos auf den Kopf. Gerade als ich mich im Wohnzimmer vor den Fernseher fallen lasse, reißt mich lautes Indianergebrüll vom Sofa hoch. Leise wie immer schleichen sich zwei Miniindianer ins Zimmer, einen 100-Liter-Kanister voller Cowboypistolen hinter sich herschleifend. Ich halte mir die Ohren zu und stimme mit in das Geschrei ein. Allerdings versuche ich dabei, möglichst viele Schimpfwörter auf einmal aus mir herauszuspucken.
Als die beiden Indianer nach gefühlten zwei Stunden immer noch nicht heiser sind, packe ich sie an ihren Schlafanzugshemden und zerre sie in ihre Betten Als sie sich beruhigt haben, decke ich sie zärtlich zu, krächze ein geduldiges „gute Nacht, ihr Süßen“ und spurte mit Hochgeschwindigkeit aus dem Raum, nicht ohne vorher zu vergessen, das Licht auszuschalten. Vor der Tür warte ich schwer atmend einige Minuten auf Herzmädis Heulanfall, weil ihr reizender Bruder der mindestens zweihundert Jahre alten Stoffpuppe zärtlich den Kopf heruntergerissen hat. Doch nichts passiert.
Ich eile zurück ins Wohnzimmer um auf keinen Fall den Anfang meiner Lieblingsserie zu verpassen. Wie gemütlich doch so ein platt gelegenes Papa-Biertrink-Sofa ist! Irgendwann verschwimmen die Bilder des Fernsehers und schreiende Aliens mit kopflosen Stoffpuppen in den Händen rauschen an meinem Kopf vorbei. Vergeblich versuche ich ihnen klar zu machen, dass sie in meinem Kopf nichts verloren hätten, da bilden sie plötzlich die reizende Gestalt des weinenden Herzmädi. Ich öffne meine Augen ganz und vor mir steht das kleine Mädchen, in der Hand eine völlig ausgebeulte Nuckelflasche. „Tee!“, ruft sie. „Mach mir Teeee!“ Ich gehe in die Küche und suche in einem Schrank nach Tee. Apfeltee, Neun-Kräutertee, Rotbuschtee, Vanille-Erdbeertee… die kleine Anzahl an verschiedenen Teesorten macht mir die Auswahl ungeheuer leicht.
Ich entscheide mich schließlich für Fencheltee, weil ich damit früher immer besonders gut einschlafen konnte. Ich koche also das Wasser, hänge einen Teebeutel hinein – warte, bis der Tee gezogen hat. Von oben ansteigendes Heulen. Ich schütte den Tee in die Baby-Flasche, verkleckere die Hälfte. Dann lasse ich mehrere Liter kaltes Wasser über das Fläschchen laufen, damit der Tee abkühlt. Zwei Stufen auf einmal nehmend stürze ich nach oben. Als Herzmädi das Fläschchen mit Tee sieht, schaut sie zufrieden. Ich bin geschafft aber froh, sie endlich beruhigt zu haben. Doch bereits nach dem ersten Schluck verzieht sie das Gesicht und kreischt los: „Bäh! Will Honig! Tee mit Hooonig!“ Oh nein! Ich habe den Honig vergessen! Also gebe ich in der Küche geizige fünf Esslöffel in den Tee. Da dieser fast kalt ist, löst sich der Honig trotz Lichtgeschwindigkeitsrühren nicht auf. Ich gehe zur Mikrowelle, stelle die Flasche hinein, finde natürlich auf Anhieb Zeitregler und Einschaltknopf und warte unter ohrenbetäubendem Gebrüll von oben auf das gewohnte „Pling“.
Wieder stürze ich nach oben und reiche dem schreienden Rotkopf das Fläschchen. Wieder fängt dieser an zu brüllen und schreit: „Da kommt nichts raus!“ Ich reiße dem Mädchen das Ding aus der Hand und überprüfe es. Durch meine äußerst sparsame Verwendung des Honigs wurde aus dem einstigen Tee dickflüssiger, pappsüßer Sirup. Nun bin ich diejenige, die anfängt zu brüllen. Ich drohe dem armen Herzmädi es zu ersticken, zu erwürgen, zu erstechen oder zu erschießen. Ich tobe durch das Zimmer und sinke schließlich erschöpft zu Boden. Herzmädi schaut mich mit tellergroßen Augen an. Dann fängt Herzbubi an zu weinen und sagt, er könne nicht schlafen, wenn ich mit seiner Schwester Raumschiff spiele. Ich bekomme einen erneuten Tobsuchtsanfall und drohe dem anderen Winzling, ihn in ein Ufo mit lauter gefährlichen Aliens zu stecken. Er schaut mich strahlend an und meint, das wolle er schon immer gerne mal machen. Ich springe fast bis zur Decke, so sehr treibt mich meine Wut an. Mit dem Fläschchen in der Hand rase ich hinunter in die Küche, schütte literweise kalte Milch auf den Tee, natürlich geht nichts daneben und renne mit einer zweiten Flasche zurück zu den Zombies.
Ich schütte die eine Hälfte des Inhalts in das zweite Fläschchen, stopfe das erste Herzmädi in den Mund, das zweite Herzbubi und drohe ihnen, das Haus anzuzünden, sollten sie mich noch einmal stören. Das wirkt! Keiner stört mich als ich vor dem Fernseher vor lauter Erschöpfung vor mich hinvegetiere, keiner stört mich, als ich das Geld zähle und feststelle, dass die Hälfte fehlt und keiner stört mich, als ich murmelnder Weise einschlafe.
Die Urheberrechte liegen bei der Autorin.

