Lese-Ecke

Graf Alucard, der letzte Vampir

von Veronika Fechter, 11 Jahre

Es wurde langsam dunkel. Graf Alucard saß gemütlich in seinem Wohnzimmer und blätterte in der neuesten Ausgabe des „Cape-Journals“. Er hatte die Beine übereinander geschlagen und seine spitzen Eckzähne blitzten im spärlichen Licht, das eine kleine Lampe an der Decke spendete.

Der Graf seufzte. Wie umständlich es doch war ein  reiner Vegetarier-Vampir zu sein. Der muffige Keller war nicht gerade die bequemste Unterkunft, doch vorübergehend dürfte sie reichen.

„Vegetarier-Vampir. Auch wenn du keiner Fliege, und schon gar keinem Menschen, etwas zuleide tust, wirst du gejagt und verabscheut“, murmelte Graf Alucard betrübt. An solchen Abenden war es am besten, sich ein Glas Tomatensaft und ein Schälchen Ribiselkompott zu gönnen.

„Uff!“, mit einem Seufzer und einem Tomatensaft in der Hand ließ sich der Vampirgraf in seinen nigelnagelneuen, echt transilvanischen Sarg fallen. Dabei schwappte die rote, dickflüssige Brühe über und besprenkelte den roten Seidenüberzug mit Tupfern. „Verdammt!“, fluchte der Graf und hielt sich schnell eine Hand vor den Mund. Er war eine sehr höfliche, anständige Person, die nur in den allerschlimmsten Situationen fluchte. „Na ja! Wenigstens sieht man den roten Tomatensaft nicht ganz so schlimm, der Seidenbezug ist ja auch rot.“, flüsterte der Graf, jetzt total betrübt. Noch ein Unglück und sein Sarg wäre auch voller Vampirtränen.

Schnell trank Graf Alucard seinen Tomatensaft aus, stellte das Glas ab und lag einfach da. Mit einem letzten Zischeln erlosch auch die Deckenlampe, der Draht der Glühbirne war endgültig durchgebrannt. „Ich glaube, es wird Zeit, sich eine neue Behausung zu suchen!“, stellte der Graf fest, dann fielen ihm die Augen zu. Das war sehr ungewöhnlich, denn auch wenn er kein richtiger Vampir war, schlief er normal am Tag und war in der Nacht wach.

Ein paar Monate später in Klagenfurt:

Graf Alucard stand vor dem Lindwurm in Klagenfurt. „Hallöchen!“, murmelte er. Der steinerne Riese antwortete nicht, doch das hatte der Vampirgraf auch nicht erwartet. Langsam schlenderte er wieder davon, er wollte zurück ins Hotel, wo er seine Eckzähne in eine saftige Erdbeere schlagen konnte, sodass der rote Saft überall hinspritzen würde… Mitten in seinen genießerischen Gedanken hielt der Graf inne. „Überallhin, aber nicht auf meinen samtgefütterten Sarg!“, zischte er laut. Zu laut. Alle Blicke der Touristen, Einwohner, Kinder, Babys, Erwachsenen, jungen Leuten und alten Leuten richteten sich auf den Vampir. Sogar die Hunde hörten auf die Geschichte zu lesen, die der Hund, der vorher an der Litfasssäule vorbeigegangen war, hinterlassen hatte. Kurz gesagt: Tausende Augenpaare waren auf den Grafen gerichtet.

„H… h… ähm, hatschschi?“, Graf Alucard nieste künstlich und lächelte schwach. „I...ist es nicht mehr höflich „Gesundheit“ zu sagen, wenn jemand niesen muss?“, stotterte er und hob fragend eine Augenbraue. Alle starrten den komischen Mann an. Graf Alucard hüstelte und ging ein paar Schritte vor. „Gestatten?“, fragte er laut, als er zu der Menschenwand kam, die ihm den Weg versperrte. Die Blicke noch immer auf den Vampirgrafen gerichtet, machten die Leute Platz. Langsam verlor man Graf Alucard aus den Augen. Es herrschte Totenstille. Da brüllte ein rotwangiger Bauarbeiter: „Ein Vampir ist in unserem schönen Klagenfurt!!!“

Graf Alucard seufzte. Er kauerte in einer Nische und dachte nach. „Wieso halten mich alle Menschen für eine böse, blutsaugende Bestie? Und wieso sagt niemand mehr „Gesundheit“ wenn man niest? Weshalb haben alle vor meinem schönen, samtgefütterten und tomatensaftbespritzen Sarg Angst?“, grübelte er. Eigentlich wusste er alle Antworten: Graf
Alucards Vorfahren waren ja echte Vampire! Welcher Mensch hatte schon nicht vor einem Sarg als Bett Angst? Und „Gesundheit“ zu einem Vampir zu sagen, kam schon gar nicht in Frage, auch wenn er geniest hatte!    

„Bist du der Herr Vampir?“, fragte eine Kinderstimme. „Nicht ganz!“, antwortete Graf Alucard fast automatisch. Da erst fiel ihm auf, dass ihn wirklich jemand angesprochen hatte! „Was machst du hier, du verrätst noch mein Versteck!“, flüsterte der Graf panisch und packte den Knirps fest am Arm. „Komm in die Nische und bevor du fragst: Keine Angst, ich beiße dir nicht in den Hals. Das ist grauslich!!!“, flüsterte er und zog an dem Arm des Buben. Und lustigerweise kauerte sich der Bub, etwa neun Jahre alt, neben den Grafen. „Du bist ganz schön mutig, Bürschlein!“, murmelte Graf Alucard. „Ich hab dich gesucht, weil ich „Gesundheit“ sagen wollte. Denn ich fand es seeeehr unhöflich von den anderen, dass sie das nicht gesagt haben, wie du geniest hast!“, ereiferte sich der Bub. „Das ist sehr nett von dir! Ich bin Graf Alucard, der letzte Vampir! Aber wie gesagt, hab keine Angst, ich bin Vegetarier“, sagte der Vampirgraf gerührt.

„Ich bin Benedikt und wollte dir noch dazu sagen, dass draußen alle mit Knoblauch, Kreuz, Pfählen und Hämmern rumlaufen. Darauf hab ich verzichtet. Ich fürchte mich nicht vor dir!“, erzählte Graf Alucards erster Freund. 
„Dann ist es ja gut! Ich erzähl dir wenn du willst eine lustige Geschichte.“, begann der Vampir. „Au ja!“, jubelte Benedikt.

„Ich bin nach Klagenfurt gekommen, weil ich einen neuen Unterschlupf brauche. Also habe ich meinen Sarg gepackt und mir ein Zugticket besorgt. Schon am Bahnhof haben alle Leute auf meinen schönen Sarg geglotzt und mit dem Finger auf mich gezeigt. Dabei zeigt man mit dem nackten Finger nicht auf angezogene Leute! Auf jeden Fall verlief die restliche Fahrt ohne weitere Vorkommnisse. Als ich mein Gepäck, also meinen Sarg, wieder abgeholt hatte, bestellte ich ein Taxi. Wir banden den Sarg auf das Autodach und wieder glotzen alle Leute auf den Sarg und zeigten mit dem Finger auf mich. Und noch einmal muss ich bemerken, was für schlechte Manieren die Leute haben, denn scheinbar haben sie noch nie davon gehört, dass man nicht mit dem nackten Finger… ach, du weißt schon!   
Ich sagte dem Taxifahrer er sollte mich in irgendein großes Hotel bringen, wo ich untertauchen konnte und vor allem nicht so auffallen würde. Der nette Mann brachte mich also zum Hotel zur Post. Eine wirklich gute Entscheidung!
Ich lud meinen Sarg ab und brachte ihn dem Hotelpagen. Hat der aber doof geschaut und dann hat er noch so frech gestottert: „U…u…und wo ist ihr Koffer, Sir?“ Da hab ich ebenso frech geantwortet, dass er ihn eh schon in der Hand hält. Da hat er nichts mehr gesagt, der freche Bengel! Ich bezahlte den Taxifahrer und nahm ein Zimmer. Und den Rest kennst du ja eh schon!“, endete Graf Alucard. Benedikt bog sich vor Lachen. „Der Taxifahrer war mein Papa!“, sagte er schließlich. „Er hat uns erzählt, dass er einen äußerst höflichen, aber seltsamen Mann mit Cape, weißem Hemd, schwarzer Hose, Fliege und einem Sarg als Gepäck befördert hat! Natürlich haben wir ihm nicht geglaubt.“

So saßen sie noch eine Weile still nebeneinander. „Ich hab es!“, rief Benedikt plötzlich. Dann schilderte er Graf Alucard seine Idee. Kurz darauf wurde der Vater angerufen und brachte die beiden zum Hotel. Der Graf erklärte, er müsste frühzeitig abreisen, bezahlte und lud mit Benedikts Papa den Sarg auf das Autodach. Dabei passten sie auf, dass sie nicht von den bewaffneten Bürgern entdeckt wurden. (Die hätten aber auch nur mit dem nackten Finger auf angezogene Leute gezeigt!)

Dann ging die Fahrt los. Als sie ihr Ziel erreicht hatten, sperrten sie das Haus auf und zeigten Graf Alucard den Keller. Wunderbar!“, jubelte er. Benedikt kramte auch noch ein Glas
Tomatensauce aus einem Regal. „Die hat sie einmal eingekocht, aber wir mögen alle keine Tomaten! Sie hat noch zwanzig Gläser davon!“, erklärte er.

Dann banden sie den Sarg vom Taxidach und trugen ihn in den Keller. „Wenn Oma wüsste, was in ihrem Keller haust!“, lachte Benedikt. Seine Idee war gewesen, Graf Alucard im Keller seiner Omi anzusiedeln, die gerade auf Kur war und so auch keinen Einspruch erheben konnte. Im Keller gab es Tomatensauce bis zum „Geht-nicht-mehr“. Benedikt konnte den Vegetarier-Vampir oft besuchen und ihm einen Obstkorb mitbringen. Graf Alucard sagte:„Da kann ich meine Zähne in eine frische Erdbeere schlagen, sodass der Saft überall hinspritzt…“
Und gemeinsam mit Benedikt rief er im Chor: „Überall hin, aber nicht… AUF MEINEN SAMTGEFÜTTERTEN SARG!!!!“

Die Urheberrechte liegen bei der Autorin

nach oben

zur Geschichten-Übersicht